Milliarden haben die Provider in die UMTS-Lizenzen gebuttert. Doch so richtig Speed nimmt das Netz noch nicht auf. Und ohne Games, Hollywood-Blockbuster, Videoclips ist ein UMTS-Handy auch nur ein Telefon.

Die Zahl der UMTS-Kunden in Deutschland ist derzeit noch sehr überschaubar. Spätestens Mitte 2005 soll das pfeilschnelle "Universal Mobile Telecommunication System" jedoch den Durchbruch zum Massenmarkt schaffen. Der Erwerb von attraktiven Multimediainhalten und die Entwicklung von funktionsfähigen Kopierschutztechnologien sind daher nun die wichtigsten Aufgaben der Netzbetreiber. Mit Datenautobahnen, so der gängige Vergleich, hat der Hochgeschwindigkeitsmobilfunk der dritten Generation nicht viel gemein. Da das Universal Mobile Telecommunication System über Funkfrequenzen im Äther gesendet wird, liegt die Analogie zu Düsenjets für den Datenverkehr näher

Multimediale Alleskönner in der Westentasche

Auch die mögliche Bandbreite ist bei kabelgestützten und drahtlosen Funkverbindungen nach wie vor sehr unterschiedlich: Über physisch existente Glasfasern können in bereits bestehenden, arbeitsfähigen Netzwerken schon heute deutlich über sieben Tetrabit pro Sekunde geleitet werden - also mehr als drei Millionen Internetverbindungen über eine einzige hauchdünne Leitung -, während das Potenzial von UMTS in der Laborluft bei etwa zwei Megabit pro Sekunde liegt. Gegenüber den bisherigen Mobilfunkstandards ist das allerdings ein immenser Fortschritt: Das traditionelle "Globale System für Mobilkommunikation" (GSM) erreicht 9600 Bit/Sekunde, 250 kBit/s sind die Grenze der Übertragung mittels "General Packet Radio System" (GPRS), und UMTS dürfte im Durchschnitt mit 384 kBit/s realisiert werden. Diese sechsfache Geschwindigkeit einer ISDN-Übertragung ist durchaus ausreichend, um professionelle und qualitativ hochwertige Videokonferenzen durchzuführen.

Eine höhere Bandbreite ist also im Kern der wichtigste Unterschied zwischen den Mobilfunkstandards der drei Generationen. Auf dieser höheren Geschwindigkeit können sich dann jedoch zahlreiche neue Anwendungen entfalten, die bislang im Mobilfunk unbekannt oder höchst unkomfortabel waren: "Nicht die Sprachtelefonie wird revolutioniert", schreibt dpa ganz korrekt, "sondern die Übertragung von Daten, Bildern und Videos." Die "multimedialen Alleskönner" in der Westentasche - früher als Handy bekannt - dienen künftig als Empfangsgerät für Videotelefonie, Text-/Bilderdienste à la Multimedia Messaging Services (MMS), superschnelles Internet, Live-Hören von Radiosendungen sowie für den Download von Games, Musik oder Videoclips. Auch spezielle Anwendungen wie die Steuerung von Geräten in Betrieb und Haushalt ist dank der hohen UMTS-Bandbreite ein Kinderspiel.

Ein Kraftakt ohnegleichen ist hingegen die Finanzierung der UMTS-Einführung. Für gut 50 Milliarden Euro ersteigerten sechs Telekommunikationsunternehmen am 31. Juli 2000 die nötigen Frequenzblöcke, um UMTS in Deutschland überhaupt anbieten zu können. Die Errichtung der nötigen Basisstationen im ganzen Land plus die gesamte Technologie im Hintergrund kosten nach Expertenschätzungen weitere 25 Milliarden Euro. Bei einem Abschreibungszeitraum von zwölf Jahren für diese Investitionen - die Laufzeit der Lizenzen ist auf 20 Jahre begrenzt - ergibt sich eine jährliche Belastung in Höhe von mehr als sechs Milliarden Euro. Kein Wunder, dass der Startschuss für den UMTS-Regelbetrieb nach mehreren Anläufen erst am 16. Februar 2004 gegeben wurde: Der Telco-Riese Vodafone offerierte seinen Kunden als Erster eine PC-Card für UMTS und GPRS, die hauptsächlich auf Geschäftskunden und deren tragbare Computer zielt. T-Mobile, E-Plus und O2 folgten nach und nach. Auch die Kosten sind Business Class: Je nach Tarif - Volumen oder Zeit - müssen bis zu 60 Euro monatlich berappt werden.

W-LAN contra UMTS

Vorreiter Vodafone hat durch seine multinationale Aufstellung ein As im Ärmel: Das so genannte UMTS-Roaming funktioniert in bisher sieben Ländern (Großbritannien, Italien, Japan, Niederlande, Portugal, Schweden und Spanien) in den dortigen Vodafone-Netzen, während die anderen Netzbetreiber erst noch an entsprechenden Kooperationen basteln. T-Mobile wiederum stellt sich mit der "TM3-Strategie" bereits auf eine knallharte Konkurrenz mit einem unerwarteten Gegner ein: Mit Wireless Local Area Network (W-LAN), der Vernetzungstechnologie von Computern, droht ein Gegenstandard zu UMTS, der in vielen Haushalten und Büros bereits Realität ist und nicht minder komfortabel den Hochgeschwindigkeitsdatenverkehr und sogar Telefonie (Voice over IP, kurz VoIP) per Funk erlaubt. Die Integration von UMTS, GPRS und W-LAN in die TM3-Philosophie, so die Hoffnung der Deutschen Telekom, soll hingegen ein durchgängiges Multimediaangebot schaffen.

Kaum UMTS-Handys

Um tatsächlich die Massen mit den Datendüsenjets zu erreichen, müssen allerdings zunächst entsprechende Empfangsgeräte auf den Markt kommen. Alle großen Hersteller haben bereits erste UMTS-Handys im Handel, doch von einer breiten Vielfalt wie bei GMS ist man noch weit entfernt. Trotz der bereits teilweise aufgebauten Netze geben daher die Experten des Hamburger Marktforschungsinstituts Mummert in einer aktuellen Studie UMTS kaum Chancen, in naher Zukunft Bedeutung zu erlangen. Technologien wie Breitband, Wireless LAN oder Internettelefonie seien in den Augen von Fach- und Führungskräften der deutschen Telekommunikationsbranche deutlich wichtiger, so Mummert. Zudem ist UMTS mit technologischen und gesundheitlichen Herausforderungen verknüpft, die noch nicht einmal ansatzweise bedacht wurden: Da bislang nichts über die Langzeitauswirkungen von GSM-Funkfrequenzen auf den menschlichen Körper bekannt ist, kann logischerweise auch der neue UMTS-Standard nicht als völlig unbedenklich bezeichnet werden. Klar ist jedoch, dass mit erhöhter Bandbreite auch die Datenmenge im Äther insgesamt ansteigen wird - ein Thema, das angesichts von Tarifen, Technik und Trubel um UMTS noch weitgehend ausgeblendet wird.

Erste Ansätze, den Schutz wenigstens der Urheberrechtsinhaber zu gewährleisten, präsentierte im Juni indes der Telco-Anbieter O2 Germany: Das erste Mobiltelefon mit integrierter Music-Download-Funktion, das Siemens SX1 Music, ist mit dem Digital-Rights-Management-(DRM-)System des Unternehmens Secure Digital Container AG (SDC) ausgestattet und soll unberechtigtes Kopieren von Songs verhindern. Ohne solche Schutzmechanismen stehen schließlich - siehe Napster und Co. - alle Multimediaangebote auf äußerst wackligen Beinen.

Buhlen um Sportverbände und Filmproduzenten

Nach dieser Initiative dürfte nun auch Bewegung in die zum Teil festgefahrenen Verhandlungen um attraktive Inhalte für den Mobilfunk der Zukunft kommen. Bislang verweigern sich die großen Sportverbände wie UEFA und IOC ebenso wie die Musikverwertungsgesellschaften und Filmproduzenten dem Buhlen der Telco-Firmen. Doch ohne attraktive Inhalte wie Multiplayer-Games, Hollywood-Blockbuster, Fußball-WM, Olympiade oder Hitsingle ist das schönste UMTS-Handy auch nur ein Telefon.

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