Branchenforum "DVD Entertainment 2002"
Wie ein roter Faden zog sich die Frage nach dem richtigen Umgang mit dem wachsenden Piraterieproblem durch die Panels des Branchenforums "DVD Entertainment 2002" in München. Zwei Tage lang diskutierten nationale und internationale Fachleute über die Weiterentwicklung der DVD-Branche und darüber, inwiefern die Spielfilmpiraterie die glänzenden Aussichten des Markts gefährden kann.
Das zweitägige Branchenforum "DVD Entertainment 2002" startete am 22. Oktober mit der Keynote von Jack Valenti, President der Motion Picture Association of America (MPAA). Valenti forderte alle Kreativen auf, gemeinsam gegen Piraterie vorzugehen. Die Entertainmentbranche brauche eine globale Allianz gegen illegale Internetdownloads und Brennerei, sonst drohe der Branche ernste Gefahr. "Die erschreckende Zahl von 400.000 bis 600.000 Filmen, die in den USA jeden Tag illegal aus dem Netz gezogen werden, belegt die Notwendigkeit einer konzertierten Aktion aller Kreativen", so die Schlussfolgerung Valentis.
Auch Jean-Paul Commin, Präsident der International Video Federation (IVF), griff die Themen Kopierschutz und Urheberrecht auf. Zentral ist für Commin dabei ein starker Urheberrechtsschutz. Eines der Schlüsselelemente zur Sicherung eines bleibenden Wachstums für die europäische Videoindustrie auf dem digitalen Marktplatz sei die letzte EU-Copyright-Direktive. Insbesondere die von der deutschen Regierung vorgeschlagene Umsetzung der EU-Direktive ist für Commin problematisch. "Die vorgesehene Ausnahmeregelung für die Privatkopie ist zu weit gefasst und öffnet dem wild wuchernden File-Sharing alle Tore", so Commin.
Der nächste europäische Gast, Ben Keen, Executive Editor and Director des Fachblattes "Screen Digest", sorgte bei seinem Vortrag für ordentlich Diskussionsstoff. Bei einem Vergleich von 85 Titeln im deutschen Markt hat "Screen Digest" analysiert, dass Filme im Verkauf deutlich besser performen, sofern sie ohne Verleihvorlauf veröffentlicht würden. Eine Studie für den britischen Markt hatte zuvor ergeben, dass sowohl der Sellthrough- als auch der Verleihmarkt von ausschließlichen Day-and-Date-Releases profitieren würden. Für den deutschen Videomarkt präsentierte
Dr. Wolfgang Adlwarth, Geschäftsführer der GfK, die neuesten Zahlen. So soll Ende 2003 in jedem dritten deutschen Haushalt ein DVD-Player stehen. Für 2002 geht die GfK von einem Gesamtfilmumsatz von 2,359 Mrd. Euro aus. 988 Mio. Euro entfielen auf den Kinobereich. Der DVD-Verkauf trage 685 Mio. Euro bei. Der Umsatz aus dem VHS-Verkauf liege mit 330 Mio. Euro unter dem gesamten Verleihmarkt (356 Mio. Euro).
Während Kino und der gesamte Kaufmarkt weiter wüchsen, werde das Verleihgeschäft in diesem Jahr stagnieren, so die GfK. Auch in Deutschland hängt das Damoklesschwert Piraterie über der Branche. "Jeder dritte Bundesbürger hat bereits eine CD selbst gebrannt - Tendenz steigend", warnte Adlwarth.
Auch beim großen DVD-Gipfel der führenden Anbieter widmeten sich die Marktmacher vor allem dem Thema Raubkopien. "Wenn wir nicht wollen, dass uns andere Auswertungsformen den Markt wegnehmen, müssen wir auch den Preis zur Schaffung eines Massenmarkts nutzen", mahnte Jean Hermsen, Executive Director Warner Home Video. Für Tania Reichert-Facilides, Geschäftsführerin BMG Video, liegt ein größerer VoD-Markt jedoch noch in weiter Ferne. Viel wichtiger sei es, der Piraterie einen Riegel vorzuschieben.
Fox-Geschäftsführer Klaus Schröder erinnerte daran, dass DVD derzeit zwar ein hervorragendes Medium sei, das vom Konsumenten akzeptiert werde. Aber keiner könne genau sagen, wie lange sie letztendlich überleben werde. Im Zukunftsforum "10 Jahre DVD" waren sich die Panelisten einig, dass die Konsumenten weiter unterhalten werden wollen.
Allerdings würden sie in Zukunft Inhalte über verschiedene Kanäle beziehen, auch wenn bis zum Ausbau des Breitbandnetzes noch einige Zeit vergehen werde. Abgesehen davon, werde es immer Sammler geben, die ein physisches Produkt besitzen wollten und dadurch den DVD-Kaufmarkt weiter stützen würden. Trotzdem ist laut Wilfried Geike, Managing Director Warner, insbesondere "bei der Verwertung von Katalogtiteln Eile geboten".
Am zweiten Veranstaltungstag zeigte zunächst Prof. Dr. Karlheinz Brandenburg vom Fraunhofer Institut das Dilemma der Digital-Rights-Management-Systeme auf. In nicht allzu ferner Zukunft könne eine DVD in einer Minute kopiert werden. "Darum müssen jetzt die Weichen für die Zukunft gestellt und die rapide technische Entwicklung berücksichtigt werden", stellte Brandenburg klar.
Für die von der Piraterie arg gebeutelte Musikindustrie ist das Thema bereits akut. Die DVD ist für Dr. Balthasar Schramm, President Sony Music, jedoch "ein Mosaikstein" der künftigen Entwicklung der Tonträgerbranche, wobei die kreative Herausforderung darin liege, einen spannenden visuellen Inhalt zum Kernprodukt Musik zu schaffen.
edel-Chef Michael Haentjes zeigte sich dagegen skeptisch, ob die DVD die Probleme im CD-Bereich kompensieren könne. Seiner Ansicht nach ist ein "strategischerer Ansatz" nötig. Das Thema Piraterie wurde jedoch nicht nur in der Theorie behandelt.
Joachim Tielke, GF GVU, zeigte anhand von Fallbeispielen die immer raffinierteren Methoden der Piraten auf. Beim hochrangig besetzten Abschlusspanel wurden die tiefen Gräben zwischen Anbietern und Raubkopienutzern erneut deutlich. So ist für Andy Müller-Maguhn vom Chaos Computer Club Downloading kein Diebstahl.
Was nicht nur bei Johannes Klingsporn, VdF, Bodo Schwartz, GVU, Prof. Dr. Jürgen Becker, GEMA, und Joachim A. Birr, BVV, auf größtes Unverständnis stieß. So wurde sehr emotional und kontrovers diskutiert - auf einen Lösungsansatz hat man sich vorerst nicht einigen können.