E3: Die Spielebranche läßt es krachen
Obwohl sich die E3 als Leistungsschau der Superlative von jeher mehr als lautstarker Rummelplatz denn als typische Handelsmesse präsentiert, steht sie nach wie vor für eines: Big Business, das sich die Publisher von ihren etlichen Sequels, aber auch originellen Entwicklungen im Multiplattformformat versprechen. Stellvertretend für die rund 1000 Neuheiten für PC und Konsole sind nachfolgend einige Messehighlights vorgestellt, die zum Großteil bereits in den nächsten Wochen und Monaten verfügbar sein sollen.
Wer in diesem Jahr durch das Convention Center schlenderte, tat sich schwer, einen echten Spieletrend auszumachen - zu vielseitig das bunte Potpourri an Entwicklungen für alle relevanten Plattformen bis hin zum Game Boy Advance. Sehr auffällig war jedoch die Dominanz von Actionspielen aller Couleur. Dies unterstrich auch eine Erhebung des Messeorganisators IDSA, wonach knapp 30 Prozent aller Titelankündigung auf das Konto des Actiongenres ging.
Kraftfutter für ActionfreaksDeutsche Fachbesucher, die sich eben noch mit der Gewaltdiskussion im Umfeld des Erfurter Attentats beschäftigen mussten, sahen sich auf der Messe plötzlich mit einer Flut von (Ego-)Shootern konfrontiert. Allen anderen voran die Mutter aller Ego-Shooter, "Doom", dessen dritter Teil am Stand von Activision zu sehen war. Die Produktpräsentation von id Software bestach jedoch weniger durch tumbes Gemetzel als vielmehr durch eine düstere, beklemmende Grafik im Zusammenspiel mit einer bedrohlichen Soundkulisse. Sozusagen als Counterpart ließ sich mit "Unreal" von Epic Megagames ein weiterer Klassiker des Genres in aktueller Auflage bewundern: Zum einen die PC-Version "Unreal 2003", zum anderen die Xbox-Version "Unreal Championship" (beide Infogrames). Und auch Indianer Turok ließ es sich nicht nehmen, bei "Turok Evolution" (Acclaim) für PS2, GCN und Xbox im dichten Dschungelambiente die Muskeln spielen zu lassen.
Stellvertretend für weitere Games mit Gewaltdarstellungen seien "IronStorm" (Wanadoo), "TimeSplitters 2" (Eidos Interactive), die beiden Lightgun-Shooter "Silent Scope 3" (Konami) und "Endgame" (Empire Interactive) sowie die Ubi Soft-Titel aus dem Tom Clancy-Universum "Splinter Cell", "Ghost Recon" und "Rainbow Six: Raven Shield" aufgeführt. Last but not least der GCN-exklusive Capcom-Titel "Resident Evil" (Electronic Arts), der sich so gar nicht in das sonstige Kiddy-Image des Nintendo-Stands einfügen wollte, zugleich aber auch eines der Messehighlights für die ältere Zielgruppe darstellte.
VÖ-Politik deutscher Publisher ungewiss
Im Hinblick auf die anstehende Novelierung des deutschen Jungendschutzgesetztes ist freilich noch offen, ob und in welcher Form diese und weitere Genrevertreter den Weg in die Outlets finden werden. Ungeachtet dessen hat Sony Computer Entertainment Deutschland schon während der Messe mit der Ankündigung ein Zeichen gesetzt, den Release des für Juni geplanten Lightgun-shooters "Vampire Night" (PS2) aus gegebenem Anlass in Deutschland auf unbestimmte Zeit zu verschieben. Und es ist anzunehmen, dass andere Publisher diesem Vorbild folgen werden. Gleichsam "harmlos" nahmen sich da die beiden Action-Adventure-Highlights "Tomb Raider: The Angel Of Darkness" (Eidos Interactive) sowie "Galleon - Islands Of Mystery" (Virgin Interactive) aus - Letzteres ist unter der Federführung des Lara Croft- Schöpfers Toby Gard in der Mache.
Was (Echtzeit-)Stratgegiespiele betrifft, dürfte die taktische Komponente einen größeren Motivationsfaktor darstellen als der ausgiebige Waffeneinsatz. Umso größer die Freude, dass Electronic Arts nach "Command & Conquer Renegade" mit "C&C: Generals" zu den Ursprüngen der Erfolgsserie zurückkehrt. Und dies mit einer motivierenden Storyline, einer komplett neuen Grafik inklusive einem "echten" 3D-Terrain und natürlich neuen ungewöhnlichen Einheiten sowie Waffen.
Generäle im Dienst der Spielerarmee
Weitere PC-Strategicals mit Blockbuster-Qualitäten: "Warcraft III" (Vivendi Universal Interactive), "Age Of Mythology" (Microsoft) sowie das zur Zeit der römischen Feldzüge Julius Caesars angesiedelte "Praetorians" (Eidos Interactive) und "Robin Hood" (Wanadoo). Spielerisch nur einen Steinwurf vom Strategiegenre entfernt, wussten die Handels- und Wirtschaftssims "Anno 1503" (Sunflowers Port Royale" (Ascaron), "IndustrieGigant II" (JoWooD) sowie die Aufbausimulationen "SimCity 4" von Electronic Arts zu gefallen.
Etwas zurückhaltender als in den Jahren zuvor waren die Publisher in puncto Rennspiel-Ankündigungen. Dennoch sollten der zweite Teil von "Burnout" (Acclaim), das Follow-up zu "ATV: Offroad" (SCE), die Umsetzung von "Wreckless" für PS2 (Activision), "Gran Turismo Concept" (SCE) sowie der TOCA-Nachfolger "DTM Race Driver" (Codemasters) so schnell keine Langeweile aufkommen lassen. Überdies stehen die beiden Konkurrenten "Colin McRae Rally 3" (Codemasters) und "V-Rally 3" (Infogrames) mit jeweils ganz eigenen Features am Start. Und während Infogrames Rennspielfans mit "Crazy Taxi 3" erstmals auch nachts auf Fahrgastsuche schickt, stellt Empire Interactive mit "Big Mutha Truckers" diverse Trucks inklusive tonnenschweren Anhängern als Fortbewegungsmittel zu Wahl. Für Anhänger von Edelkarossen empfehlen sich die offiziellen Lizenztitel "Lamborghini" (Rage) und "Mercedes-Benz WorldRacing" (TDK mediactive).
Vom allseits beliebten klassischen Sport gibt es hingegen kaum Neues zu berichten: Neben etlichen Fortsetzungen und den alljährlichen Upates mit aktualisierten Saisondaten brachte immerhin Activisions "Shaun Murray's Pro Wakeboarder" - der modernen Variante von Wasserski - frischen Wind ins Genre. Nicht zu vergessen auch die bisher einzigartige Fußballreihe "Club Football" von Codemasters, deren 15 einzelne Ausgaben komplett auf die jeweilige Mannschaft, darunter FC Bayern und Borussia Doltmund, gebrandet sind. Auch an interessanten Rollenspielen für PC und Konsole mangelte es nicht, darunter der zweite Teil von "Icewind Dale II" (Virgin Interactive) mit unter anderem komplett überarbeiter Menüführung, "Neverwinter Nights" (Infogrames) und "Summoner 2" (THQ).
Obwohl die Mehrzahl der Neuheiten der Third-Party-Publisher auf allen drei Konsolenplattformen erscheinen, sind auch in diesem Jahr einige Exklusivtitel bzw. Veröffentlichungen mit exklusivem Zeitfenster ankündigt, was den Wettbewerb zwischen den drei Konkurrenten Sony, Nintendo und Microsoft auch weiterhin spannend bleiben lässt. Zu den PS2-Highlights bei Marktführer SCE zählten "Tekken 4", das gute Chancen hat, "Virtua Fighter 4" vom Thron zu stoßen, sowie "The Getaway", einen ebenfalls im Actiongenre angesiedelten Mix aus "Driver" und "GTA 3". Während das auf der Engine von "Jak And Daxter" basierte Plattformspiel "Ratchet And Clank" durch zwei steuerbare Helden, eine Vielzahl an ausgefallenen Waffen und rätselgespickte Fantasylevel begeisterte,erfreute sich das in erster Linie auf die jüngere Zielgruppe zugeschnittene Action-RPG "Kingdom Hearts" regen Zuspruchs. Bei der Koproduktion von Squaresoft und Disney Interactive stehen dem jugendlichen Held Sora die beliebtesten Disney-Charaktere zur Seite.
Ebenfalls für Kinder gedacht sind beispielsweise "Lilo & Stitch: Trouble In Paradise" sowie "Stuart Little 2" für PSone, für die laut Sony auch weiterhin Spielenachschub entwickelt werden soll.
PSone vorerst kein Auslaufmodell
Bei Microsoft standen in der beinahe unüberschaubaren Xbox-Area etliche Neuheiten Seite an Seite mit dem von LucasArts inszenierten Rollenspiel "Star Wars: Knights Of The Old Republic" (Electronic Arts), der Neuauflage des Sega Saturn-Klassikers "Panzer Dragoon" mit dem Namenszusatz "Orta" (Infogrames) und den Microsoft-eigenen Entwicklungen "Brute Force", "Crimson Skies: High Road To Revenge" und "Kung Fu Chaos". Ein besonderes Lob verdiente die grafische Präsentation von "Transworld Snowboarding" (Infogrames), das sich auf absehbare Zeit lediglich mit der GCN-Konkurrenz "1080 Grad: White Strom" von Nintendo messen lassen muss.
Am Nintendo-Stand machten neben dem ausgefallenen Spaceshooter "Metroid Prime" vor allem die GCN-Titel von Shigeru Miyamoto, "Mario Sunshine" und "The Legend Of Zelda", auf sich aufmerksam. Die Optik von "Zelda" dürfte nicht den Geschmack aller bisherigen "Zelda"-Fans treffen, ist es doch das erste Abenteuer mit dem Helden Link, das vollständig in Cel-Shading-Optik gehalten ist. Immerhin geht Miyamoto mit der Zeit, denn auch andere Entwickler spendieren dem von "Jet Set Radio" bekannten Grafikstil im Comiclook eine föhlichen Wiederbelebung. Beispiele von der E3 sind "Taz Wanted" (Infogrames), die Umsetzung des Comicbuchs "XIII" (Ubi Soft), "Auto Modellista" (Capcom) und das witzige Waschbär-Abenteuer "Sly Racoon", von SCE. Da sich innovative und zugleich massenmarkttaugliche Spielkonzepte mit immer neuen Helden, die es in Folge auch auszubauen gilt, nicht am Fließband produzieren lassen, setzen die Publisher wieder verstärkt auf Entwicklungen auf der Grundlage von bekannten Comics, Romanen, TV-Serien und Kinofilmen.
Lizenztitel als perfekte Popcorn-Unterhaltung
Erfreulicherweise haben entsprechende Umsetzungen im Lauf der Jahre zunehmend an spielerischer Qualität gewonnen, wohl auch aus der Einsicht heraus, dass man sich in der Vergangenheit nur allzu gern auf die kostspielige Lizenz verlassen und damit dem Standing als Entwickler respektive Publisher einen Bärendienst erwiesen hat. Beste Popcorn-Unterhaltung stellten während der Messe unter anderem "Batman: Dark Tomorrow" (Kemco), "Spider-Man: The Movie" und "Blade 2" (beide Activision), "Men In Black 2" (Infogrames) sowie "The Sum Of All Fears/Der Anschlag" (Ubi Soft) und "Harry Potter" (Electronic Arts) dar. An schon etwas ältere, aber nicht weniger zugkräftige Lizenzen angelehnt sind "The Thing" (Vivendi Universal), "Rocky" (Rage), "Terminator - Dawn Of Fate" (Infogrames), "RoboCop - The Future Of Law Enforcement" (Virgin Interactive) und "Conan" (TDK mediactive). Nicht zu vergessen "Der Herr der Ringe": Während "The Lord Of The Rings: The Fellowship Of The Ring" von Vivendi Universal auf dem Fantasyroman von J.R.R. Tolkien basiert, liegt "The Lord Of The Rings II: The Two Towers" die Ende des Jahres startende Kinofilmfortsetzung zugrunde und bietet daher auch einige Originalfilmsequenzen.
Nicht filmbasiert, aber deutlich von US-Krimiklassikern der 70er- und 80er-Jahre inspiriert ist "Stuntman" von Reflections,dem Erfinder von "Driver". Trotz der etwas enttäuschenden Grafik hält der langfristig motivierende Genremix nicht zuletzt dank aufwendigen Replays, was der Publisher Infogrames in Aussicht gestellt hat. Ebenfalls als fester Bestandteil der Messe waren Hersteller von Hardware und Zubehör vor Ort, um diverse Controller, Lenkräder oder Lightguns zu präsentieren. Wirklich innovativ war jedoch lediglich die Vorstellung der Eye-Toy-Hardware von SCE: Mit der am USB-Port der PS2 angeschlossenen Digi-Kamera im Stil einer Web-Cam werden Bewegungen des Spielers vor dem Bildschirm in entsprechende Controllerkommandos umgesetzt.
Eye-Toy bringt Couch-Pototatos auf Trab
Als erster offizieller Eye-Toy-Titel soll eine Sammlung mit Mini-Musikspielen erscheinen. Eine Musiksoftware ganz anderer Art hatte eJay mit dem bereits im Vorjahr angekündigten Musikbaukasten "eJay Club World" für PS2 im Gepäck. Ähnlich wie bei "MTV Music Generator" können dank Drag & Drop-Verfahren selbst Laien schnell entsprechende Songs aus den nach Genres geordneten 10.000 Soundsamples und Loops generieren.
Das Fazit nach drei Tagen Messemarathon: Auch in diesem Jahr hat die Gamesbranche unter Beweis gestellt, welches kreative Potenzial sie hervorbringen kann. Und es bleibt spannend zu beobachten, welche Möglichkeiten die Entwickler der PS2, der Xbox sowie dem GCN künftig noch entlocken können, um ihre Visionen umzusetzen. Mit der angekündigten Onlineanbindung werden Konsolengames eine neue spielerische Dimension erschließen, wobei abzuwarten bleibt, inwieweit die Consoleros kostenpfliche Zusatzfeatures überhaupt nutzen. Auch bleibt abzuwarten, ob die von Nintendo proagierte Linkfunktion zwischen GCN und GBA dem angeschlagenen Handheld aus der Talsohle helfen werden.
Immerhin hat der Nintendo-Widescreen gegenüber dem eher spärlichen Angebot an Games für PDA und Mobiltelefon (noch) die besseren Karten. Allen Unkenrufen zum Trotz dürfte der PC seine Bedeutung als wichtige Spiel- und Onlineplattform auch weiterhin behalten, zumal der stete Preisverfall bei modernsten Grafikkarten noch perfektere Unterhaltung erschwinglich macht. Bleibt zu wünschen, dass auch bei der nächsten E3 deutsche Entwickler mit ihren Neuheiten Flagge zeigen werden, so wie es in diesem Jahr u. a. Westka ("The Y-Project"), und Yager Developments ("Yager") getan haben.