Die ECTS-Veranstalter wollen ihr Renommee durch eine europäische Variante der Games Developer Conference aufbessern. Die deutsche Entwicklerszene zeigt sich dem Konzept durchwegs aufgeschlossen.

Die ehemalige CMP Game Media Group, jetzige Gama Network, will kurz vor der Electronic Computer Trade Show (ECTS) eine europäische Variante der Games Developer Conference (GDC) veranstalten. Mit der Installierung einer im Vorfeld stattfindenden Konferenz scheinen die ECTS-Veranstalter verloren geglaubtes Renommee zurückerobern zu wollen. Nintendo sagte seinen Auftritt auf der ECTS ab und bereitet zeitgleich einen eigenen Event, "The Nintendo Show", vor.

Mit der öffentlichen Infragestellung weiterer kontinentaler Ausstellergrößen ob des Termins und dem Sinn einer Massenveranstaltung auf der britischen Insel, scheint eine GDC-Adaption die rechte Wahl zur rechten Zeit: Das Original im US-kalifornischen San José ist alljährlich Anziehungspunkt für Entwicklerteams aus aller Welt. Grund genug für eine europäische Adaption? Und werden die deutschen Entwickler dem europäischen Konferenzruf folgen?

Fragt man die Teams, ist ein lautes "Ja" zu hören. Denn nicht nur die professionellen Vermarkter von Unterhaltungssoftware in Deutschland dürsten nach einer auf sie zugeschnittenen Veranstaltung, sondern auch die deutsche Entwicklerszene. Der Verband der Unterhaltungssoftware Deutschland (VUD) will mit dem Konzept der "game.on" in naher Zukunft Abhilfe für erstere schaffen. Auch das Pendant auf Entwicklerseite, das Unterhaltungs Software Forum (USF), feilt gerade an der "USF 2001".

Dennoch, "in letzter Zeit hat sich nicht viel getan", beklagt Michael Strelecki  vom Dortmunder Entwickler Kainai Entertainment. Strelecki will auf jeden Fall an der GDC Europe teilnehmen. "Es kommt auch gar nicht so sehr auf Geschäftsabschlüsse an. Uns ist wichtig, die GDCE als Entwicklertreff zu nutzen, Erfahrungen auszutauschen und von anderen zu lernen." Dabei sei es im Endeffekt sogar günstig, eine Anlaufstelle auf europäischer Ebene zu haben. Gerald Struck von CyCo Systems aus Bochum stimmt grundsätzlich überein, schließlich lebe die Branche vom "Information Sharing".

Ob sich neben der Games Developer Conference in San Josè eine europäische Unterart etablieren wird, mag dahingestellt sein, aber Interesse besteht auf jeden Fall. Die angekündigten Panels, Workshops und Referate können Denkanstöße geben, Ideengeber sein und die aufstrebende europäische Entwicklerszene fördern. Damit stimmt Andreas Scholl vom Würzburger Entwickler Kritzelkratz 3000 fast deckungsgleich überein. Auch Scholl sieht als Bedingung für eine erfolgreiche GDC packende Themen, die den Nerv der Zeit treffen. "Das Problem der GDC in San José ist der große Aufwand, der von europäischen Entwickler betrieben werden muss, wenn sie daran teilnehmen wollen. Dazu kommt, dass man fast immer fest in laufenden Projekten steckt. Zwei Tage in London wären aber durchaus denkbar - wenn die Themenvielfalt stimmt."

Für Klaus Starke, Director of New Business and Development bei Innonics in Hannover, ist es "schon komisch, wenn man sich zum Erfahrungsaustausch zwischen deutschen Entwicklern in den USA treffen muss". Deshalb plädiert er für eine europäische Lösung, "allein schon um die internationale Vielfalt von Erfahrungen, Techniken etc. mit in das eigenen Unternehmen einzubringen." Zwei Dinge seien jedoch wichtig: eine solche Veranstaltung dürfe nicht zu einer reinen "Heldenverehrung" werden und man sollte nicht mehrere tausend Kilometer anreisen müssen. Der Idee einer europäischen GDC ist Starke aufgeschlossen, schließlich sei das Original für jeden Entwickler über die Jahre zu einem Muss geworden. Kritisch sei hingegen anzumerken, dass "die GDC mittlerweile, wie im übrigen auch die E3, völlig überkommerzialisiert ist. Zudem wird dermaßen viel Programm geboten, dass einer allein das gar nicht alles mitbekommt. Im Grunde sollte eine Games Developer Conference dem Austausch von Entwicklern dienen, weniger zur Präsentation." Dafür gebe es eine E3 bzw. eine ECTS. "Dieser Unterschied verwischt leider immer mehr, obwohl noch genügend Raum für Workshops etc. da ist. Aber wie lange noch?", so Starke.

Bernhard Ewers von TriNodE Entertainment und Mitbegründer des USF, sieht in der Kommerzialisierung der GDC auch ihren größten Nachteil: "Was sicherlich eine GDCE im Vergleich zu einer deutschsprachigen Veranstaltung wie das USF unterscheidet, ist ihre schon im Vorfeld definierte Ausrichtung. Das USF entspricht in ihrer Grundidee der "Ur"-GDC, sprich: Im Vordergrund stehen Gespräche, die sich in ihrem Kern um Probleme bei Entwicklung und Programmierung drehen. So wie es auch der Gründer der GDC im Auge hatte. Ein Forum, eine in einen zwanglosen Rahmen eingebettete Entwicklerplattform, die ohne kommerzielle oder politische Auseinandersetzungen auskommt. In diesem Sinne lässt sich eine heutige GDC oder auch eine GDC Europe nicht mit dem USF vergleichen. Das USF ist eine eigenständige, an der Entwicklerszene orientierte Veranstaltung. Und das USF findet ja auch regelmäßig statt. Nicht in einer Massenveranstaltung, sondern in "Mini-USFs". An Entwicklerstammtischen in Berlin, Frankfurt oder Mülheim. Insofern wird eine GDCE auch das USF nicht beeinflussen. Engländer und Franzosen sind sehr auf sich fixiert. Dies spiegelt sich auch in einer GDCE wider, die nicht auf einzelne Entwicklerszenen Rücksicht nimmt, nicht auf eine deutsche oder eine norwegische oder schottische Szene, die dem USF sehr gleichen." Nichtsdestotrotz wolle er die GDCE nicht verteufeln, ganz im Gegenteil. "Die GDCE ist auf ihre Art eine, auf europäischer Ebene, wichtige Veranstaltung. Wir und andere deutsche Entwickler stellen auch Überlegungen an, ob und in welcher Form wir uns an der GDC beteiligen können. Ein Vorteil der Games Developer Conference Europe ist der terminlich günstige Zeitpunkt im Einklang mit der ECTS. Auch mag die ECTS zwar in den letzten Jahren in ihrer Bedeutung abgenommen haben, dennoch finden sich immer noch die wichtigen Publisher vor Ort."

Tom Putzki , Developer & Public Affairs bei der Bochumer Phenomedia AG, begrüßt seinerseits die GDCE als Plattform für eine europäische Sichtweise. "Die GDC in San José ist doch sehr auf den US-amerikanischen Markt fokussiert. Die Amis kennen vielleicht noch England, dann setzt es aber aus." Die deutschen Entwickler sollten seiner Meinung nach, die Chance für einen geballten Auftritt nutzen. "Die GDCE wird die deutsche Sichtweise nur berücksichtigen, wenn wir gemeinsam die deutsche Sichtweise einbringen." Die Kommerzialisierung eines solchen Events stellt für Putzki ein geringes Problem dar. Eine Organisation wie Gama Networks müsse allein schon wegen der Größe der Veranstaltung mit Sponsoren arbeiten. "Deswegen sind die Diskussionen und die Workshops nicht minder interessant. Man sollte einfach die Möglichkeit nutzen, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen." Deutschland sei als Entwicklerland mittlerweile in einer Position, die mit einem internationalen Status versehen sei. "Titel wie 'Anno 1503", 'Cultures", 'Gothic" 'AquaNox", 'Desperados", 'America" sprechen eine deutliche Sprache. Deutschland etabliert sich de facto als eines der führenden 'Entwicklungsländer". Wir müssen uns auf einer GDC nicht verstecken. Weder in den USA, noch in England.'

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