Welche Übernahmekandidaten zog Microsoft noch in Betracht?
Seltene Einblicke in die Gamesbranche gewährt der Rechtsstreit in den USA über die Übernahme von Activision Blizzard durch Microsoft. So tauchten kürzlich Dokumente auf, die andere Übernahmeziele von Microsoft aufzeigten, darunter CD Projekt Red, Crytek, Focus, Giants, Paradox, Sega und Thunderful. Eine Zusammenfassung der letzten Details und Ereignisse.
Die laufende Anhörung über den Einspruch der Federal Trade Commission (USA) gegen die geplante Übernahme von Activision Blizzard durch Microsoft gibt zahlreiche interessante Einblicke in strategische Entscheidungen, Pläne und Deals. So hatte Xbox-Vizepräsidentin Sarah Bond ausgesagt, dass Activision-Blizzard-CEO Bobby Kotick einst damit gedroht habe, "Call of Duty" nicht mehr auf Xbox-Plattformen zu veröffentlichen, wenn Microsoft dem Publisher nicht eine bessere Umsatzbeteiligung gewähren würde. Microsoft war damals unter Zeitdruck und stimmte diesen Deal zu, auch um die Erwartungen der Spieler:innen zu erfüllen und den zugkräftigen Titel nicht zu verlieren.
Es folgten noch zugespitztere Aussagen, wie Xbox habe "den Konsolenkrieg" gegen Nintendo und Sony verloren, schließlich entfielen im Jahr 2021 knapp 16 Prozent der Konsolenverkäufe auf Xbox-Geräte. Zu dem Zeitpunkt lag die installierte Basis der Xbox-Konsolen bei 21 Prozent. In Hinblick auf die aktuelle Situation sagte Bond auch, dass Cloudgaming momentan für Microsoft ein Verlustgeschäft und das am wenigsten genutzte Feature aus dem Xbox Game Pass Ultimate sei.
Pete Hines, Head of Publishing bei Bethesda, sagte noch, dass das angekündigte Indiana-Jones-Spiel von MachineGames vor der Übernahme der Bethesda-Muttergesellschaft ZeniMax ein Multiplattformtitel war. Nach der Akquisition durch Microsoft wird es nur für PC und Xbox erscheinen, um "das Risiko zu reduzieren und zu versuchen, ein gewisses Maß an Klarheit zu erlangen", so Hines. Mit letzterem meint er wahrscheinlich auch die Zusammenarbeit mit dem externen Lizenzinhaber Lucasfilm.
Übrigens einer der Hauptgründe, warum Microsoft letztlich ZeniMax übernommen hatte, war die potenzielle PlayStation-Exklusivität von "Starfield". So sagte Xbox-Chef Phil Spencer in der Anhörung, dass "Sony regelmäßig Konkurrenten dafür bezahlen" würde, die Xbox-Plattform zu überspringen, schließlich hatte Bethesda zeitexklusive Release-Deals mit Sony bei "Deathloop" und "Ghostwire: Tokyo" geschlossen. Um bei den verfügbaren Inhalten nicht weiter zurückzufallen, wurde der Entschluss gefasst, Zenimax zu kaufen. Allerdings weigerte er sich zu bestätigen, ob "Elder Scrolls VI" ein Xbox-Exklusivtitel werde oder nicht. Dazu liege der Titel noch zu weit in der Zukunft. Zudem stellte er Sony als aggressiven Konkurrenten dar: "Jedes Mal, wenn wir ein Spiel auf der PlayStation veröffentlichen ... Sony kassiert 30 Prozent der Einnahmen, die wir auf ihrer Plattform machen, und dann verwenden sie dieses Geld, neben anderen Einnahmen, die sie haben, um zu versuchen, das Überleben der Xbox auf dem Markt zu beeinträchtigen", sagte Spencer. "Wir versuchen zu konkurrieren, aber wie ich schon sagte, wir haben es in den letzten 20 Jahren nicht geschafft, das effektiv zu tun."
Apropos Konsolenexklusivität: Ergänzend wurde bei der Anhörung eine E-Mail des PlayStation-Chefs Jim Ryan aus dem Januar 2022 verlesen, in dem er sich ziemlich gelassen über den Verbleib von Call of Duty auf PlayStation äußerte. "Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir Call of Duty noch viele Jahre lang auf der PlayStation sehen werden", so Ryan. Damit steht Ryans Einstellung im Gegensatz zu Sonys öffentlich geäußerten Bedenken über die Zukunft der Shooter-Reihe auf der PlayStation, die in den darauf folgenden eineinhalb Jahren aufkamen.
Des Weiteren sind Dokumente in dem Verfahren aufgetaucht, die mögliche Übernahmeziele von Microsoft im Jahr 2021 zeigten, also vor der beabsichtigten Übernahme von Activision Blizzard. Die Liste umfasste mehr als 100 Devstudios und Publisher, die für die Erweiterung des Konsolengeschäfts infrage kamen. Eine weitere Liste drehte sich um App-Hersteller, um Microsofts Präsenz im Mobile-Bereich zu verbessern. Auf der Mobile-Liste standen unter anderem Nintendo, Electronic Arts, DeNA, Sony, Square Enix, Playtika, Supercell, Playrix, Bandai Namco, Gamevil, Niantic und Zynga.
People muse about if Microsoft would ever try to buy Nintendo.
In a 2021 MS research doc about possible acquisition targets, Nintendo was not listed among 100+ companies for console expansion
It was listed among 76 popular app-makers for improving Microsoft's mobile footprint pic.twitter.com/DZqruR6FP5June 27, 2023
Auf der Liste mit Unternehmen, die das Geschäft mit Inhalten auf Konsolen stärken könnten, standen 11 bit studios, 4A Games, Asobo, Bohemia, Bungie, CD Projekt Red, Colossal Order, Crytek, Deck13, Digital Extremes, Dontnod, Fatshark, FromSoftware, Frontier Developments, Funcom, Gearbox, Giants Software, Hello Games, IO Interactive, Larian Studios, Moon Studios, Mundfish, People Can Fly, Playdead, Relic, Remedy, SCS Software, Stoic, Supergiant Games, Techland, Thunderful und tinyBuild, um nur einige zu nennen. Als Übernahmekandidaten bei den Publishern wurden 505 Games, Annapurna, Devolver Digital, Focus Home Interactive bzw. Focus Entertainment, Media Indie Exchange, Paradox Interactive, Raw Fury, Sega und Team17 ins Visier gefasst.
Laut Axios-Autor Stephen Totilo wurde dann gezielt gefiltert. Aussortiert wurden alle Publisher, die weniger als 100 Millionen Dollar mit Nicht-Casino-Titeln umsetzten. Alle Publisher, die über 20 Milliarden Dollar gekostet hätten, wurden ebenso ausgeschlossen wie Firmen, deren Hauptquartier in China liegt oder die zu mehr als 50 Prozent einem chinesischen Unternehmen gehörten. Publisher, die mehr als 25 Prozent des Umsatzes mit Casino-Games machen, wurden ebenso nicht mehr in Betracht gezogen. Der letzte Filter sortierte Publisher aus, die mehr als 60 Prozent der Einnahmen in Asien-Pazifik-Raum machten. Auf der finalen Liste standen dann unter anderem noch Thunderful, Supergiant Games, Niantic, Playrix, Zynga, Bungie, IO Interactive und Scopley. Bungie gehört mittlerweile zu Sony, Zynga zu Take-Two. Übrigens: Publisher von "Project Dragon" von IO Interactive aus Dänemark sind die Xbox Game Studios. Der Shooter wird bisher für PC und Xbox Series X|S gelistet.
Auch Sega war im November 2020 ein möglicher Kandidat. "Wir glauben, dass Sega ein ausgewogenes Portfolio von Games in verschiedenen Segmenten mit globaler geografischer Anziehungskraft aufgebaut hat und uns dabei helfen wird, Xbox Game Pass sowohl auf als auch außerhalb der Konsole zu beschleunigen", so Phil Spencer in der E-Mail, die auch an den Microsoft-CEO Satya Nadella adressiert war. David Hampton, General Manager bei Microsoft, antwortete nur vielsagend: "Game on". Was aus diesem Plan wurde, ist nicht bekannt, zumal Sega in der M&A-Liste aus dem Jahr 2021 weiterhin als relevantes Ziel genannt wurde.
Letztendlich wurde dann Activision Blizzard als Übernahmeziel identifiziert. Es folgte das 68,7 Milliarden Dollar schwere Angebot, doch der Abschluss hängt noch an den regionalen Wettbewerbshüter:innen. Für die Übernahme gestimmt haben bisher die Europäische Union, China, Südkorea, Saudi-Arabien, Brasilien, Japan, Serbien, Südafrika, Chile und Ukraine. Gegen den Deal hat sich bisher das Vereinigte Königreich ausgesprochen, wobei Activision Blizzard und Microsoft bereits Einspruch gegen die Entscheidung eingelegt haben. Das Verfahren läuft aktuell noch in den Vereinigten Staaten, Australien und Neuseeland. Aktuell sieht es so aus, als würde die FTC in den USA die Übernahme nicht genehmigen wollen und der Cloud-Gaming-Argumentation aus Großbritannien folgen.