Im Gespräch: Rolf Duhnke, GF Eidos Interactive. "Der Traum eines jeden Publishers"
"Wer wird Millionär?" ist das bislang meistverkaufte Spiel des Jahres. Über den Ausnahmeerfolg dieses Titels, über Eidos" Pläne und kommende Schwerpunktthemen sprach GamesMarkt.de mit Rolf Duhnke, Geschäftsführer Eidos Interactive Deutschland.
GamesMarkt.de: Lassen Sie uns über den außerordentlichen Überfliegererfolg von "Wer wird Millionär?" sprechen und über seine Erfolgsfaktoren nachdenken. Doch vorab: Wie viele Units haben Sie von dem Titel jetzt verkauft?
Rolf Duhnke: Wir haben mittlerweile 750.000 Units von "Wer wird Millionär?" an den Handel geliefert. Aufgesplittet nach Plattformen sind das 550.000 PC- und 200.000 PlayStation-Versionen. Davon haben wir circa 80 bis 90 Prozent durchverkauft.
GM: Anders als bei vielen anderen Titeln, die einen überschaubaren Lebenszyklus haben, also kurz in den Charts auftauchen, um dann wieder zu verschwinden, legt "Wer wird Millionär?" enorme Steherqualitäten an den Tag. D.h. der Titel läuft seit Monaten konstant sehr gut.
Duhnke: Ja. "Wer wird Millionär?" ist ein geniales Thema und Produkt. Vor allem ist es ein Massenmarktprodukt. Typisch dafür ist, dass er auch Zielgruppen anspricht, die wir sonst nur in Ausnahmen erreichen, etwa die Altersgruppe der 50- oder 60-Jährigen. Zudem handelt es sich dabei um keinen typischen Hittitel, den man unbedingt sofort haben muss. Vielmehr macht er auch nach vier Monaten noch Spaß. Ganz so überraschend stellte sich der Erfolg allerdings auch wieder nicht ein. So verfügten wir über hervorragende Erkenntnisse aus dem US-Markt, wo der Titel bereits vor über zwei Jahren released wurde und sehr erfolgreich gelaufen ist. Ein weiteres Indiz für das Potenzial dieses Titels kam aus Großbritannien. Dort ist "Wer wird "Millionär" bereits am 29. September letzten Jahres erschienen, fast drei Monate vor dem deutschen Veröffentlichungstermin, und hat alle Erwartungen übertroffen. Insgesamt 18 Wochen hat das Spiel die Spitzenposition in den PC-, PlayStation- und Dreamcast-Charts innegehabt und ist heute das meistverkaufte Spiel in England. Auch in Deutschland ist "Wer wird Millionär?" das bisher meistverkaufte Spiel des Jahres.GM: Der Erfolg dieses Titels ist nicht nur ein Phänomen, er hat auch eine nachhaltige Diskussion zum Thema Causal Games ausgelöst. Wirkt sich ein solcher Erfolg auf die Programmplanung eines Publishers aus? Werden die Entwickler in besonderer Weise sensibilisiert?
Duhnke: So dramatisch würde ich das nicht sehen. Dieses Phänomen kennen wir auch aus anderen Branchen, etwa dem Filmgeschäft. Dort werden Filme für ein ganz spezielles Publikum produziert und für den Mainstream. Natürlich ist ein Produkt wie "Wer wird Millionär?" der Traum eines jeden Developers oder Publishers. Wie gesagt, "Wer wird Millionär?" ist ein geniales Thema, das Spiel war schnell am Markt und ist leicht zu verstehen. Man muss nur den Computer anwerfen, die CD einlegen, ein Minute anschauen, und der Nutzer weiß, wie es funktioniert.
GM: Dennoch, versucht der Publisher nicht doch, gerade angesichts dieses ökonomischen Erfolgs, den Eidos mit diesem Titel erreicht hat, seine Entwickler gezielt mit der Nase auf diese Story zu stoßen? Versucht er nicht doch sein Studio für das Potenzial zu sensibilisieren, das in einem solch "einfachen" Produkt steckt? Das legt die Frage nahe, ob ein solcher Erfolg auch planbar ist?
Duhnke: Bis zu einem gewissen Grad ist es sehr wohl planbar. In unserem Fall leben wir aber sehr stark vom Erfolg der Fernsehsendung. Und die steht seit ihrem Start im letzten Jahr in den TV-Charts immer ganz oben. Auf diesen Erfolg kann man natürlich mit einem Computerspiel sehr gut aufbauen.
GM: Nun hat sich Eidos Interactive die Rechte an einer zweiten Version und der Junior-Variante von "Wer wird Millionär?" gesichert. War diese Lizenz teurer als die erste? Waren noch andere Publisher hinter der Lizenz her?
Duhnke: Die Rechte waren nicht teurer. Es gab auch einige Mitstreiter, die sich die Rechte sichern wollten. Rechtegeber Celador International ist aber ein uns sehr verbundener Partner, der gesehen hat, das Eidos mit der Spieleumsetzung einen sehr guten Erfolg in Europa erzielt hat,und sah deshalb überhaupt keine Veranlassung, etwas am Status quo zu ändern beziehungsweise zu pokern. Die haben wahrlich genug zu tun. Schließlich läuft die TV-Sendung mittlerweile in rund 70 Ländern, und die Umsetzung als PC- oder PlayStation-Spiel gibt es bis dato nicht einmal in der Hälfte dieser Länder.
GM: Der Deal mit Celador umfasst zunächst die Länder Großbritannien, Deutschland und Frankreich. Eidos hat aber die Option, die Spiele auch in weiteren Ländern zu veröffentlichen. Wird Eidos von dieser Option Gebrauch machen?
Duhnke: Das ist eine gegenseitige Option. Das heißt, wenn es für beide Partner wirtschaftlich Sinn macht, dann wird der Titel auch in anderen Ländern released.
GM: Themenwechsel. Eidos war in der jüngsten Vergangenheit Gegenstand von Übernahmespekulationen. Ist das Thema endgültig vom Tisch?
Duhnke: Das Thema ist definitiv vom Tisch. Eidos sucht keinen Käufer.
GM: Die Struktur von Eidos ist in der letzten Zeit weltweit schlanker geworden...
Duhnke: Eidos hat weltweit Personal abgebaut. In Deutschland sind wir von 38 auf nunmehr 30 Mitarbeiter runtergegangen, was knapp 20 Prozent entspricht. Wir haben versucht, diese Maßnahme so gerecht wie möglich zu gestalten, quer durch alle Abteilungen. Aber auch mit dem reduzierten Personal wollen wir das, was wir in den letzten Jahren in Deutschland erfolgreich gemacht haben, weiterführen.
GM: Von dem Personalabbau war auch die Sales-Division betroffen.
Duhnke: Ja. Hier arbeiten wir jetzt mit fünf Außendienstmitarbeitern, zwei Key-Accountern und vier Leuten im Innendienst in der Kundenbetreuung. Das ist am unteren Minimum dessen, was man haben muss, um den Handel gut zu bedienen und zu betreuen. Es gibt eben gute Zeiten und nicht so gute Zeiten. Jeder weiß, dass die Wirtschaft auf einem hohen Niveau stagniert. Zudem wird es noch einige Zeit dauern, bis sich die PlayStation 2 und später die Xbox weltweit etabliert haben. Aber da müssen wir die notwendige Geduld aufbringen und einen langen Atem haben. Vor diesem Hintergrund muss man dann auch schon einmal Personal abbauen.
GM: Stichworte: E-Commerce und Online-spiele...
Duhnke: In diesem Zusammenhang gab es vor zwei Jahren einen großen Hype. Doch was ist von dieser Euphorie geblieben? Es ist heute ein ganz normales Thema, es läuft einfach mit. Auch wir betreiben E-Commerce und realisieren darüber Umsätze. Aber E-Commerce ist einfach ein zusätzliches Angebot für User, die in abgelegenen Gegenden wohnen und nur wenige Einkaufsmöglichkeiten in ihrer Nähe haben.Auch das Thema Online-spiele ist zeitweise sehr hochgekocht worden. Eidos hat keine Onlinespiele. Und was ich vom Wettbewerb mitbekommen habe, ist, dass die Umsatzlage in diesem Bereich nicht so rosig, dass man sich gleich auf dieses Thema stürzen müsste. Da muß die Technik einfach noch besser werden und auf UMTS und die Breitbandverkabelung der Haushalte gewartet werden, damit die Qualität der Onlinespiele noch besser werden kann. Es wird meiner Meinung nach drei bis fünf Jahre dauern, bis die Voraussetzungen dafür geschaffen sind.
GM: Und Mobile Gaming?
Duhnke: Wir sind dabei, haben auch einige Spiele für Nokia gezeichnet. Ich persönlich rechne aber auch in diesem Segment erst dann mit interessanten Zahlen, wenn das UMTS-Netz steht.
GM: Ihr Geschäftsjahr endete am 31. März. Für eine offizielle Bilanz ist es noch zu früh. Aber haben Sie Ihre Pläne erfüllt?
Duhnke: Wir sind sehr zufrieden in Deutschland. "Millionär" ist sehr gut gelaufen, "Deus Ex" und "Play The Games" sind sehr gut gelaufen, "Tomb Raider" ist erwartungsgemäß gelaufen. Und eine ganze Reihe weiterer Produkte auch. Aber rückblickend betrachtet, ist "Wer wird Millionär?" aus den genannten Gründen am einfachsten gelaufen.
GM: Welche Schwerpunktthemen stehen in diesem Jahr bei Eidos noch an?
Duhnke: Der nächste große Titel, von dem ich sehr viel erwarte, ist "Commandos 2", der im Juni erscheint. Dann natürlich die Fortsetzung der "Millionär"-Reihe. Ansonsten müssen wir sehen, wie PS 2 weiter läuft. Wir hoffen, am Ende des jetzigen Geschäftsjahrs, im März 2002, bereits Xbox-Titel am Markt zu haben. Und dazwischen wird es reichlich zu tun geben, weil nicht alle Produkte, die wir veröffentlichen, Selbstläufer sind.