Tauschbörsen untergraben offizielle Verbote
Ein wichtiges Argument, wenn es um Indizierung und Verbot für Gewalt darstellende Spiele geht, wird in der öffentlichen Diskussion des Öfteren ausgelassen: die Beschaffungswege. Zwar mögen manche Titel im Handel künftig gar nicht mehr zu finden sein. Sehr wohl aber im Internet. Frei zugänglich für Kinder und Jugendliche.
Nach dem Amoklauf von Erfurt werden die Rufe immer lauter, Spiele wie etwa "Quake", "Counterstrike", "Unreal Tournament" oder "Return to Castle Wolfenstein" nicht nur zu indizieren, sondern gleich ganz zu verbieten. Auf den ersten Blick entbehrt diese Forderung keineswegs jeder Logik. Denn was nicht mehr verkauft werden kann, dass kann doch wohl auch nicht mehr gespielt werden.
Diese Einschätzung geht aber leider weit an jeder Realität vorbei. Nie war es einfacher als heute, an Ware dieser Art schnell und preiswert heranzukommen. Jedoch sind die Beschaffungswege nicht immer legal. Ein Zauberwort heißt beispielsweise P2P. Musste früher das ganze Internet mühsam nach entsprechenden Programmen durchsucht werden, reicht heute ein Besuch bei einer Internettauschbörse aus. P2P, oder auch Peer to Peer, steht für ein Netzwerk dezentraler Computer, die mittels einer bestimmten Software miteinander verbunden werden.
Beschaffungsweg Internet
Der User gibt auf seinem Rechner einen Ordner frei, in dem er alle Dateien deponiert, die er zum Tausch anbietet. In der Regel wird dieser Ordner von dem jeweiligen Programm automatisch erstellt. Alle Downloads werden dort gespeichert und stehen somit wiederum der kompletten Gemeinde zur Verfügung, mit dem Resultat, dass das Angebot ständig wächst. Napster war eine Tauschbörse, die sich ausschließlich auf den Vertrieb von MP3-Musikdateien konzentrierte. Schwachstelle dieses Filesharing-Services war jedoch ein zentraler Server, der wie eine Vermittlungsstelle zwischen den einzelnen Teilnehmern funktionierte. Als die Musikindustrie ihre Urheberrechtsklagen gewann, war es deswegen ein Leichtes, die Börse durch Ausschalten der zentralen Schnittstelle lahm zu legen. Bei den neuen Technologien wie Gnutella oder FastTrack geht dies nicht mehr, da diese auf einen Vermittlungsserver verzichten.
Gleichzeitig ist die Qualität des anonymen Datentransfers über das Netz gestiegen. Waren es früher nur Musikdateien, die auf diese Art am Urheberrecht vorbei getauscht wurden, so sind es jetzt alle Medien. Eingeschränkt wurde der Transfer vor allen Dingen von Filmen durch die schiere Datenmenge und die damit verbundenen Übertragungskosten. Seitdem jedoch DSL ISDN als neuen Standard ablöst, ist auch diese Hürde genommen. Die Übertragungsraten sind gestiegen, und etliche Provider wie T-Online bieten mit Flatrate einen Pauschaldienst an, bei dem der Kunde zu einem festen Preis fast rund um die Uhr mit dem Internet verbunden bleiben kann. So lassen sich nun über Nacht nicht nur die neuesten Filme aus dem Netz ziehen, sondern auch Softwareprogramme.
Der Schaden, den die Branche schon jetzt zu erleiden hat, ist beträchtlich und dürfte in Zukunft noch steigen. Was die Sache zusätzlich erschwert, ist die Einfachheit, mit der solche kostenlose Clientsoftware wie KaZaA, WinMX und Edonkey installiert und konfiguriert werden kann. Selbst absolute Laien finden sich sofort zurecht und können bereits nach fünf Minuten beispielsweise das neue Oasis-Album herunterladen, das offiziell erst zum 1. Juli erscheint. Die Usergemeinde ist riesig: Bis zu 1,5 Mio. Anwender schalten sich in Stoßzeiten zusammen. Die Reaktion der Provider auf dieses Treiben ist eher zurückhaltend.
T-Online protokolliert genau
Nur T-Online schrieb manchen Kunden vor einiger Zeit einen Brief, in dem man bat, die unerlaubte Nutzung der Tauschbörsen doch bitte zu unterlassen. Offensichtlich protokolliert T-Online das Surfverhalten seiner Kunden sehr genau, denn der Provider konnte eine detaillierte Aufstellung liefern, wann der User unter welcher IP-Adresse (das ist eine Art Hausnummer, die dem Kunden bei jedem Einloggen neu zugewiesen wird) einen Film wie "Shrek" heruntergeladen hat. Der freie Zugriff auf indizierte und verbotene Computerspiele kann aber nur schwer verhindert werden, da diese Tauschbörsen, wie das Internet selbst, dezentral aufgebaut sind. Es gibt keinen Server, der abgeschaltet werden kann. Jeder, der "RtCW" oder "Max Payne" auf der Festplatte hat, wird somit zu einem Multiplikator. Wer also ein striktes Verbot von Spielen fordert, kennt sich mit PCs nicht aus und war noch nie im Internet - im Unterschied zu den Kindern und Jugendlichen.