Trend zu Medienpaketen
Das Budget der Schulen ist streng begrenzt. Trotz der fortschreitenden Ausstattung der Lehranstalten mit PCs schrecken viele Schulen noch vor der Anschaffung von Software aus Kostengründen zurück. Und wenn, dann wählen sie penibel aus. Hier haben die Schulbuchverlage naturgemäß die besten Karten - doch andere Player holen auf.
Vor knapp 20 Jahren, als die Computer mehr und mehr Einzug ins Berufsleben hielten, war für die Schulbuchverlage klar: Sie produzieren Lernsoftware für die Schulen. Die Privathaushalte waren uninteressant. Schließlich stand in den wenigsten Familien ein Computer, und als Lernmedium für den Nachmittag war der PC noch nicht entdeckt worden. Die Hoffnungen auf neue, interessante Umsätze im sicheren Schulsektor waren zunächst jedoch trügerisch - weder waren die Schulen mit ihrer technischen Ausstattung noch die Lehrer mit ihrem Know-how so weit, dass Schulsoftware in für die Verlage interessanten Größenordnungen eingekauft wurde. Also schwenkte man kurzerhand um und produzierte für den privaten Bereich. Werbung und Wissenschaft gingen geschickterweise Hand in Hand und propagierten den PC als ideale Plattform zum Lernen.
Nicht wenige Kinder machten sich dieses Argument zunutze, um ihre Eltern von der Anschaffung eines Computers zu überzeugen. Gegen Lernen war ja schließlich nichts einzuwenden. Nach einigen ups & downs in diesem Segment in den ersten Jahren verzeichnen die Schulbuch- und Multimediaverlage mittlerweile verlässliche Umsätze bei Lernsoftware. Zwar sind die Stückzahlen nicht bestsellerverdächtig, sorgen aber für sichere Verkaufsgrößen.
Zurück zur Schule
Und auch die Schule wird mehr und mehr zum Abnehmer von Lernsoftware. Mittlerweile haben nämlich diverse Ausstattungsinitiativen von Bund, Ländern und Gemeinden Früchte getragen: Die Schulen sind beinahe flächendeckend mit Rechnern ausgestattet. CD-ROM, DVD oder Internet - multimediale Lernangebote für den Einsatz in der Schule sind nicht mehr die Ausnahme, sondern der Normalfall. Das heißt allerdings noch lange nicht, dass Verlage sich hier eine goldene Nase verdienen können. Der Verband der Schulbuchverlage und Bildungsmedien (VdS) beklagte erst im April: Die staatlichen Ausgaben für Schulbücher und Lernsoftware sind 2003 auf ein Rekordtief von bundesweit nur noch rund 250 Mio. Euro abgerutscht (fast zehn Prozent weniger als 2002).
Unterrichtsvorbereitung
Im dritten Jahr in Folge enttäuschte 2003 auch die Entwicklung im Bereich der computergestützten Lernmedien: Der Umsatz mit Lern- und Unterrichtssoftware stagnierte erneut auf dem im internationalen Vergleich extrem niedrigen Niveau von ca. 35 Mio. Euro. Den Schulen fehlen weiter die Etats zur Anschaffung der Medien. Zudem werde der Absatz dieser Medien in hohem Maße durch Raubkopieren geschädigt. Der VdS hat dagegen eine breit angelegte Informationskampagne an den Schulen gestartet, die das Unrechtsbewusstsein zumindest bei der Lehrerschaft schärfen soll. Nichtsdestotrotz: Die CD-ROM erobert sich - wenn auch langsam - einen sicheren Platz neben den gedruckten Werken in den Klassenräumen. Dabei werden in den Schulen ganz unterschiedliche Arten von Softwareprodukten eingesetzt.
Rino Mikulic, Sprecher des VdS Bildungsmedien, kennt die Erwartungen der Lehrer an Software: "Das Zeitbudget der Lehrer ist knapp; aktuelle Reformen zum Beispiel binden viel Zeit. Deswegen gucken Lehrer ganz genau, ob und wie sie Software sinnvoll im Unterricht einsetzen können." Gern nutzen Lehrer Software, die sie bei der Vorbereitung ihres Unterrichts unterstützt. Eine Nachfrage, die die Schulbuchverlage schon lange mit diversen Printmedien bedienen. Mehr und mehr bieten sie auch diese Inhalte multimedial an. Klett zum Beispiel hat für die naturwissenschaftlichen Fächer die Mediothek entwickelt, Cornelsen bietet spezielle Lehrerausgaben der Reihe Literamedia und Westermann Software zur Arbeitsblattgestaltung für die verschiedenen Fächer. Spezialdienste wie das teachweb von Cornelsen versorgen die Lehrer überdies per Internet mit Unterrichtseinheiten, Vorschläge für Klassenarbeiten und Klausuren oder Arbeitsblätter und Stoffverteilungspläne. Schließlich sind Schulbuchverlage mit ihren Fachredaktionen und den vielen Fachautoren, die sie in der Regel aus der Lehrerschaft rekrutieren, Experten und wissen, auf welche Hilfen und Materialien Lehrer Wert legen. Für den Unterricht selbst wird ganz unterschiedliche Software genutzt. Auch hier haben die Schulbuchverlage die Nase vorn; doch andere drängen nach und nach in diesen Markt.
Besonders beliebt bei Lehrern und Schülern ist der Medienmix. CD-ROMs, die - eingeklebt in den Umschlag von Arbeitsheft oder Schulbuch - parallel zum Schulbuch genutzt werden können. Die Werke kosten dann nur wenig mehr. "Es geht um drei bis fünf Euro", so Astrid Vietmaier vom Westermann Verlag, hätten aber einen vielfältigen Zusatznutzen. Sie werden, wie das Buch, zu Hause und in der Schule genutzt. Auch in Berlin setzt man auf diesen Medienmix. "Wir sind einfach stark in Sachen Unterricht", erklärt Irina Pächnatz vom Cornelsen Verlag, "und wollen ein komplettes Angebot vorhalten." Der Schulbuchverlag will auf Dauer zu möglichst vielen Lehrwerken eine CD-ROM anbieten, die den Unterrichtsstoff in anderer Weise anbietet und den Vorteil des Mediums nutzt. Wichtig ist, dass beide Medien eingesetzt werden können. Auch bei Klett und Westermann ist dieser Medienmix angesagt. Ein Gebiet, das von den Schulbuchverlagen professionell besetzt wird. Schließlich haben sie auch das Basisprodukt, nämlich das Schulbuch. Was allerdings nicht bedeutet, dass den anderen Verlagen die Schultür verschlossen bleibt. Mehr und mehr hält auch Software Einzug in die Schule, die zunächst für den Nachmittagsmarkt gedacht war - Beispiel: Basiswissen Schule. Die Lernreihe der Verlage Duden/Paetec, ein Bundle aus Buch, CD-ROM und Internet, war eigentlich für den Schülerschreibtisch zu Hause gedacht, hat sich daneben aber mehr und mehr zu einem Unterrichtswerk entwickelt.
"Lehrer integrieren das Medienpaket in den Unterricht, sie haben es als praktische Unterstützung und Ergänzung entdeckt. Es wird auch gern für die Schulbibliotheken angeschafft", erklärt Martin Seebohn, Leiter Schulbuchmarketing beim Bibliographisches Institut in Mannheim. Jetzt hat der Verlag alle bisher erschienenen CD-ROMs des Lexikons in einer Lexibox zusammengefasst. So steht den Schulen der angebotene Fächerkanon auf einen Schlag zur Verfügung. Der Münchner Terzio Verlag - bekannt durch Löwenzahn, Willi Werkel und Janosch - hat auf der letzten Bildungsmesse gute Erfahrungen gemacht: "Die Rückmeldungen von Lehren waren sehr positiv", erklärt Andrea Ziemsen. Seine Kompetenz im pädagogischen Bereich will der Verlag mit seinem speziellen Internetangebot für Pädagogen beweisen. Passend zum Jahr der Technik wird Terzio außerdem zusammen mit dem ZDF eine spezielle Lehrer-CD-ROM veröffentlichen mit umfangreichen Materialien für den Einsatz in der Schule. Der Titel: "Unterrichten mit Löwenzahn - Thema: Technik".
Ebenfalls Quereinsteiger in Sachen Schule: bhv. Der Verlag ist bei Schülern und Lehrern in erster Linie mit seiner Win-Reihe für die Oberstufe bekannt. Auch hier soll demnächst ein Internetportal mit einer Plattform für Lehrer und Schüler eröffnet werden. "Was Lernsoftware im Unterricht angeht", so Susanne Birkner, PR Manager von bhv, "setzen wir schon seit Jahren auf Klassenraum- und Schullizenzen. Bei der Auswahl von, Schule total 2004/05 ' haben wir auch den Einsatz in der Schule berücksichtigt und bieten zum Beispiel eine Unterrichtseinheit für das Fach Religion an." Eine Hürde haben alle zu nehmen, die in den Schulbereich drängen: Ihre Produkte brauchen so etwas wie ein Prüfsiegel. Schulbuchverlage haben da ein vergleichsweise leichtes Spiel. Sie sind den Schulen als kompetente und zuverlässige Partner bekannt. Aber auch andere haben eine Chance. Anders als bei Schulbüchern muss Software nicht die Hürde der Schulbuchkommissionen in den einzelnen Bundesländern nehmen. Trotzdem orientieren sich die Softwareprogramme an den Lehrplänen und Rahmenrichtlinien.
Doch neben der möglichst nahen Anbindung an die offiziellen Lerninhalte zählt ein weiteres Kriterium: die pädagogische Kompetenz. Auch da haben es die Schulbuchverlage einfach, können sie doch auf vorhandene Fachredaktionen zurückgreifen. Sie verfügen zudem über jahrzehntelange Erfahrung im Umgang mit den verschiedenen Lehrplänen und Rahmenrichtlinien. Verlage, denen keine Schulredaktionen zur Verfügung stehen, müssen eigene Wege suchen, um für die Inhalte zu garantieren. Zum Beispiel indem sie Lehrer in die Entwicklung der Software einbinden, wie Buena Vista Games mit der Software "Grundschule 1. Klasse mit Disneys Das Dschungelbuch". Zwar ein typischer Nachmittagstitel, der aber dennoch im Unterricht oder in AGs eingesetzt wird und außerdem die Weihen eines Medienprofessors erhielt. Namen, die schon in den Grundschulen bekannt sind, können von Vorteil sein. So sind die Lernsoftwarereihen "Emil und Pauline" von Almut Bartl und die Lernspiele von Ursula Lauster von USM in etlichen Schulen mit ganzen Klassenlizenzen vertreten. Andere Verlage greifen zu pädagogischen Beratern und lassen ihre Produkte von Schülern und Lehrern testen. Wichtig für die Schulen sind Klassen- oder Schullizenzen. Ein Verfahren, auf das Schulbuchverlage eingestellt sind. Andere geben Rabatte auf Volllizenzen. USM ist mit seinem Geschichtstitel "Gegen das Vergessen: Die große Flucht" gar mit einer Landeslizenz in den bayerischen Schulen vertreten und Cornelsen in den Berliner Schulen mit der Software "Mathe-plus.de".
Bunte Palette
In den Schulen wird also eine bunte Palette von Multimediaprodukten eingesetzt: CD-ROMs, die speziell für den Einsatz im Unterricht entwickelt wurden, Medienpakete, die Buch und CD-ROM enthalten, Nachschlagewerke und Scheiben, mit denen gleichermaßen nachmittags wie auch am Vormittag in der Schule gelernt und gearbeitet wird. Solche Zwitterprodukte kommen auch aus den Schulbuchverlagen. Für die Lernadventures "Physikus" und "Bioscopia" von Heureka-Klett hat die Erziehungsdirektion des Schweizer Kantons Bern sogar spezielle Lehrermaterialien entwickelt, und der Cornelsen Verlag hat zur beliebten "Lollipop"-Reihe spezielle Schulversionen produziert, die den Lehrern Zusätze bieten wie Diktierfunktionen und ein Verwaltungssystem von Schülerarbeitsplätzen.
Unterrichtssoftware, Lernsoftware, aber auch Software, die nicht direkt auf Lehrpläne und den Unterricht zugeschnitten ist, wird demnächst wohl häufiger von den Schulen nachgefragt werden. Immer mehr Städte und Länder nutzen das Investitionsprogramm der Bundesregierung, um Ganztagsschulen einzurichten. Dort bieten sich für den Nachmittagsbereich Lern- und Edutainmentprogramme geradezu an. "Ich will nicht von einem Markt sprechen", meint Rino Mikulic vom VDS Bildungsmedien, "aber durchaus von einer interessanten Entwicklung."