Publisher haben überarbeitete Neuauflagen von alten Spielen für sich entdeckt. Fast monatlich erscheinen neue HD-Remakes. GamesMarkt forscht nach, welche Probleme bei der Entwicklung auftreten und was sie wirklich kosten.

"Wer 'Silent Hill 2' oder den dritten Teil kennt und halbwegs was von Videospielen versteht, dem sollte es von der ersten Sekunde an auffallen: Das hier ist ein Copy&Paste-Job der übelsten Sorte, eine Beleidigung für alle Fans von 'Silent Hill' und eine reine Abzocke des Herstellers!" Ein enttäuschter Kunde macht auf Amazon.de seinem Ärger über die "Silent Hill - HD Collection" richtig Luft. "Fans sollten die Finger von dieser Ausgabe lassen, und alle Interessierten, die die Originale noch nicht haben, werden in der Regel beim nächsten Gebrauchthändler fündig." Harte Worte, die zeigen, dass Überarbeitungen von beliebten Spielen keinesfalls auf uneingeschränkte Gegenliebe stoßen.

Neuauflagen im Monatstakt

"Silent Hill", "Splinter Cell", "Beyond Good & Evil" oder "Devil May Cry" - kaum ein Monat vergeht, ohne dass ältere Spiele in einer überarbeiteten Version erscheinen würden; mal als verpackte Sammelbox mit mehreren Spielen, mal als Download über Xbox Live und das PlayStation Network, aber stets mit dem Zusatz "HD" im Titel.

Neuauflagen sind keinesfalls eine Erfindung der letzten Jahre. Man denke beispielsweise an "The Twin Snakes", eine überarbeite Version von "Metal Gear Solid" für den GameCube, die acht Jahre nach dem PlayStation-Original erschien. Die Dichte an HD-Remakes hat in den letzten zwei Jahren aber merklich zugenommen. Die Spielebranche ist mit dieser Art der Zweitverwertung keinesfalls allein. Musik- und Filmindustrie haben schon lange bemerkt, dass sich mit einem Produkt erneut Geld verdienen lässt, wenn man es mit Labels wie 'Digital neu abgetastet', 'Nachkoloriert' oder 'Jetzt mit neuem 5.1-Sound' vermarktet. Besonders der "Star Wars"-Schöpfer George Lucas ist hierfür berühmt-berüchtigt. Er lässt seine SF-Saga in regelmäßigen Abständen bild- und tontechnisch verändern, drehte teilweise sogar Szenen nach.

Dienst am Fan oder am Neukunden?

Wie an den "Star Wars"-Überarbeitungen scheiden sich auch an den HD-Remakes die Geister. Fans wie der zitierte Amazon-Kunde laufen oft Sturm, weil die Originale nach ihrer Ansicht verfälscht werden und sie Geldschneiderei wittern. Andere freuen sich hingegen, dass sie Spieleklassiker auf aktuellen Konsolen nachholen können. Und das für kleines Geld, denn die Neuflagen kosten im Regelfall um die zehn Euro, Boxen mit zwei bis drei Titeln werden für rund 30 Euro verkauft.

Wer ist also die Zielgruppe von HD-Remakes, Serienfans oder Neukunden? "Beide. Fans bekommen neue Grafik, Achievements und manchmal sogar neue Level für aktuelle Hardware", sagt Wang Xu, Project Manager bei Ubisoft Shanghai. "Neue Kunden werden von der Bekanntheit der Klassiker angezogen. Sie sehen die Chance, aus erster Hand zu erfahren, warum ein Spiel so beliebt ist." Xu ist als Projektleiter für etliche Neuauflagen der letzten Zeit verantwortlich: "Splinter Cell Trilogy", "Prince Of Persia Trilogy" und "Beyond Good & Evil HD" wurden unter anderem in der chinesischen Niederlassung von Ubisoft entwickelt. Der französische Publisher ist besonders aktiv, wenn es um die Überarbeitung des eigenen Katalogs geht.

Aus Sicht eines Studios haben HD-Remakes zwei handfeste Vorteile: Sie sind mit wenig Personal realisierbar und erreichen schnell die Gewinnzone. An "Beyond Good & Evil HD" arbeiteten selbst zu Stoßzeiten maximal 30 Leute, die Box mit den drei ersten "Splinter Cell"-Spielen wurde gar von 15 Mitarbeitern gestemmt. Überschaubare Größen in Zeiten, da Teams für große Spiele schnell aus über 150 Entwicklern bestehen. Außerdem kann die Studioleitung Entwickler zwischen zwei Großprojekten in den Neuauflagenteams 'parken'. Wenn mit HD-Collections auch noch Geld verdient werden kann, umso besser. Und das geht recht schnell.

Gewinnschwelle

"Beim Remake von 'Beyond Good & Evil' haben wir bei Stückzahlen mit einer Gewinnschwelle im niedrigen sechsstelligen Bereich kalkuliert", sagt Xu. "Das haben wir übertroffen, und die Ironie ist, dass das Originalspiel nicht profitabel war, das Remake aber schon." Selbstredend beansprucht eine Neuentwicklung viel höheren Aufwand, weil alle Inhalte von Grund auf neu erarbeitet müssen. Das treibt die Kosten. Welches Budget er für ein HD-Remake zu Verfügung hat, will Xu zwar nicht verraten, erklärt aber, dass sie "viel, viel weniger teuer sind". Fünfzehn Mann und eine Gewinnzone ab circa 150.000 verkauften Exemplaren à acht Euro sind Kennzahlen, die heutzutage nur noch im Indie-Games-Bereich vorzufinden sind.

Mit dem Unterschied, dass die Neuauflagenvermarktung deutlich einfacher ist. Marken wie "Metal Gear Solid" oder "God Of War Collection" verfügen über einen hohen Bekanntheitsgrad. Fans verfolgen Gerüchte und Ankündigungen bei HD-Remakes, verbreiten Informationen in Foren und sozialen Netzwerken. Die PR-Arbeit macht sich fast von selbst.

Zeitraubende Probleme

Sind HD-Remakes also willkommener Goldesel für Publisher, für die sie ein paar vergraulte Fans in Kauf nehmen? Nicht ganz, denn so unproblematisch sind sie nicht. "Größte Herausforderung ist meist die Arbeit an der Technologie aus verschiedenen Konsolengenerationen. Beispielsweise mussten wir für 'Splinter Cell' die Unreal Engine 2.x auf die PlayStation 3 portieren und die Grafikschnittstelle von DirectX auf OpenGL umstellen. Solche Middleware- Konflikte können sehr zeitraubend und kompliziert sein", sagt Xu.

Auf dieses Problem dürfte Konami gestoßen sein. Der japanische Publisher ließ bei seinen Sammelboxen zu "Silent Hill" und "Metal Gear Solid" die jeweils ersten Teile prompt gleich ganz weg. Beide Spiele sind ursprünglich für die erste PlayStation erschienen, eine Portierung auf aktuelle Konsolen wäre vermutlich zu teuer geworden. Allerdings wollte sich Konami auch auf mehrfache Anfrage von GamesMarkt nicht zu dem Thema äußern. Es ist aber davon auszugehen, dass die Erkenntnisse des Konkurrenten Ubisoft für die ganze Branche Gültigkeit besitzen.

Wer entscheidet überhaupt, welche Archivtitel für eine Bearbeitung infrage kommen? "Bei Ubisoft fängt es damit an, dass die Marketingabteilung eine Chance erkennt", erklärt Xu. "Im Anschluss können sich dann verschiedene Teams bewerben. So stellen wir sicher, dass unterschiedliche Entwicklungsabteilungen an großen Marken arbeiten können und mit den Machern des Originals in Kontakt kommen." Der französische Publisher sieht die Neuauflagen auch als internes Wissensaustauschprogramm und Kontaktknüpfungsinstrument.

Fazit

Als Fazit kann man festhalten, dass HD-Remakes zumindest finanziell immer ein lohnendes Unterfangen sind. Kleine Teams arbeiten bei überschaubaren Kosten an einem Titel, der schon bei geringen Stückzahlen in den schwarzen Zahlen landet. Allerdings müssen alle Publisher aufpassen, das nicht als Freifahrtschein zu verstehen.

Konami hat die Erfahrung machen müssen, dass selbst eine beliebte Marke wie "Silent Hill" kein Garant dafür ist, dass eine HD-Collection auf uneingeschränkte Begeisterung stößt. Auch (oder gerade) Serienfans erwarten einen adäquaten Mehrwert und reagieren empfindlich auf halbherzige Neuauflagen. Ein paar wütende Kommentare auf Amazon, eine Handvoll schlechte Fachmagazin-Wertungen - und schon könnte der Ruf der Neuauflagen dauerhaft beschädigt sein. Und damit ein für Publisher lukratives Geschäftsmodell.

Daniel Raumer

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Side – The Hidden Champion of a Dozen  BAFTA Nominations With Ambitions to Grow
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