Erfurter Amoklauf löst Gewaltdebatte aus
Nach dem erschütternden Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium forderten Politiker vehement eine schnelle gesetzliche Handhabe gegen Gewalt darstellende Medien. Insbesondere betroffen ist die Unterhaltungssoftwarebranche.
Erstmals könnte es aber jetzt dazu kommen, dass die Rufe nach Verbesserungen im Jugendschutz erhört werden. Manche gesellschaftliche Debatten wiederholen sich im Lauf der Zeit. Gerade wenn es um gewalthaltige Medieninhalte und mögliche Verbote und Zensuren geht, wird mancher alte Branchenhase Déjà-vu-Gefühle haben.
1999 gab es das "Schulhofmassaker" an der Columbine High School in Littleton. Damals haben zwei Schüler 15 Personen und anschließend sich selbst erschossen. Dem Kongress wurde daraufhin ein Gesetzesvorschlag vorgelegt, der Altersbegrenzungen für Musik vorsah, die sich in ihren Texten mit Gewalt auseinander setzt. Hintergrund dieser Initiative war eine Meldung, wonach die zwei jugendlichen Amokläufer angeblich von Songs des "Schock-Rockers" Marilyn Manson beeinflusst worden wären.
Mehr Emotionen als Sachverstand
Der Vorschlag wurde abgewiesen. Was blieb, ist eine im Juni 1999 vom damaligen US-Präsidenten Bill Clinton eingeforderte Studie, mit der unter anderem die Federal Trade Commission (FTC) beauftragt wurde. Es ging jedoch weniger um schärfere Gesetzgebung oder gar Zensur, sondern um die Frage der Vermarktung von Gewalt darstellenden Unterhaltungsmedien. Die FTC gelangte seinerzeit zu dem Schluss, dass in manchen Bereichen grob fahrlässig gehandelt wird. Und zwar sowohl in der Filmindustrie als auch in der Musik- und Spielebranche. Einen ähnlich negativ besetzten Namen wie Littleton hat nun auch Erfurt. Die schrecklichen Ereignisse am Gutenberg-Gymnasium vom Freitag vorvergangener Woche, als der 19-jährige Robert Steinhäuser 16 Lehrkräfte sowie sich selbst umbrachte, hat die hierzulande einst distanziert betrachtete Diskussion jetzt nach Deutschland getragen.
Das Muster ist das gleiche wie 1999 nach Littleton: Auf den Schock folgen Botschaften der Betroffenheit, darauf Forderungen nach Maßnahmen. Im Fall Erfurt kamen die Forderungen sehr schnell. So rief Kanzlerkandidat Edmund Stoiber nur einen Tag nach der Tragödie in der "Welt am Sonntag" nach einem Verbot von "Killerspielen" und einer "größeren Intoleranz gegenüber der Darstellung und Verherrlichung von Gewalt". Denn in Robert Steinhäusers Zimmer hatte die Polizei Spiele wie etwa das indizierte "Quake" und das zur Indizierungsprüfung anstehende "Counterstrike" gefunden. Auch SPD-Generalsekretär Franz Müntefering kann sich Verbote von Gewaltdarstellungen in den Medien künftig gut vorstellen, und der bayerische Innenminister Günther Beckstein reagierte mit einem heftigen Angriff auf die zögerliche Haltung der Bundesregierung beim Verbot von Gewalt "verherrlichenden" Filmen und Spielen, die er für die Explosion von Gewalt bei Jugendlichen mitverantwortlich macht.
"Dadurch wird ihre Hemmschwelle massiv herabgesetzt", sagte Beckstein. Bundesinnenminister Otto Schily wies die Anschuldigungen von Beckstein jedoch brüsk zurück: "Herr Beckstein spricht von skandalöser Untätigkeit, ich spreche von skandalösem Verhalten des Herrn Beckstein." Auch Christine Bergmann, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend fühlte sich von den Äußerungen Becksteins angegriffen und bezeichnete sie als "abenteuerlich": "Die Eindämmung von Gewalt verherrlichenden Video- und Computerspielen ist Teil der Jugendschutz-Gesetzesnovelle, die wir seit anderthalb Jahren vorbereitet haben. Herr Beckstein scheint vergessen zu haben, dass diese Gesetzesnovelle allein durch die Blockade Bayerns verhindert wurde."
Unabhängig davon hat Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin als Konsequenz aus dem Amoklauf eine Überprüfung der Strafvorschriften für Filme und Spiele angeregt. "Es ist eine ganze Menge Schrott auf dem Markt", sagte die SPD-Politikerin. Aber auch abseits der "Wahlkampfdebatten" entbrannten hitzige Diskussionen. In den Medien kommen unzählige Experten und Psychologen zu Wort, die bis ins kleinste Detail über die Zusammenhänge von Gewalt darstellenden Medien und der Gewalttätigkeit eines Robert Steinhäuser referieren.
"Isoliert die Industrie anzugreifen ist falsch"
Insgesamt folgt der Diskurs aber einer einfachen Regel: Je exzessiver die Gewaltanwendung, desto höher die Aufmerksamkeit in den Medien. Dass es dabei nicht selten polemisch zugeht, bedauert auch VUD-GF Hermann Achilles: "Die Emotionen kochen derzeit verständlicherweise hoch." Insgesamt spreche man aber doch nur über gerade einmal drei Prozent des Gesamtangebots. Der Ruf nach Gesetzesänderungen sei im ersten Moment zwar verständlich, löse das Gesamtproblem aber nicht. "Vieles würde dadurch in die Illegalität verschoben und wäre dann noch weniger greifbar", so Achilles.
Ferner müsse man auch sehen, dass der Todesschütze von Erfurt bereits 19 Jahre alt und somit in der Lage gewesen sei, sich zum einen indizierte Spiele und zum anderen Waffen zu besorgen. "In diesem Zusammenhang isoliert eine Industrie anzugreifen halte ich schlichtweg für falsch", resümiert Achilles.