Der Max Hueber Verlag gehörte zu den ersten Publishern, die sich im Bereich Sprachlernsoftware engagierten. Mittlerweile investiert das Unternehmen stark ins Online-Learning. Die Gründe für diese Entscheidung erläuterten Geschäftsführerin Michaela Hueber und Marketing- und Vertriebsleiterin Sylvia Tobias im Gespräch mit GamesMarkt.de.

GamesMarkt.de: Seit wann bietet der Max Hueber Verlag CD-ROMs an?

Sylvia Tobias: Wir gehörten zu den ersten Publishern, die Sprachensoftware angeboten haben. Zu Beginn hatten wir als Produzenten Digital Publishing, der unsere Contents offline umgesetzt hat. Mit den Reihen "Travel Kit" und "Aktiv Wortschatz" waren wir bereits Anfang der 90er Jahre auf dem Markt.

Michaela Hueber: Vor zwei Jahren sind wird dann in den Onlinebereich eingestiegen, für uns die vorerst letzte Stufe in der Entwicklung von Medien für das Erlernen von Sprachen. Software sehen wir als didaktische Ergänzung zu anderen Medien und für unterschiedliche Typen von Lernenden. Je breiter man Sprachen auf verschiedenen Medien anbietet, desto mehr Kunden erreicht man.

Tobias: Alle unsere wichtigen Lehrwerke haben mittlerweile Begleit-CD-ROMs. Wir merken an den Absatzzahlen, dass die CD-ROM eine erfreuliche Entwicklung ausgelöst hat: Durch den Verbund der Produkte mit Software haben wir unsere Zielgruppe um Personen erweitert, die gern am Computer arbeiten.

GM: Kann ein Sprachlernanbieter ohne CD-ROM heute überleben?

Hueber: Nein. Software gehört heute zur Produktpalette eines jeden Anbieters einfach dazu.

Tobias: Sprachensoftware bieten viele an, aber wir sind die Experten für Methodik und Didaktik. Nur gute Produkte, die auch auf Inhalte Wert legen, haben Bestand. Wir sind Weltmarktführer im Bereich Deutsch als Fremdsprache und marktführend in den Fremdsprachen in der Erwachsenenbildung. Das ist unser klar umgrenztes Kerngeschäft, wobei das Segment Kindersoftware für uns auch immer wichtiger wird.

GM: Wie wird sich Ihr Portfolio in diesem Jahr weiterentwickeln?

Tobias: Im Internet bieten wir Deutsch für Anfänger an, was meines Wissens kaum ein anderer Publisher in Deutschland tut. Zudem haben wir online Spanisch für Anfänger und Englisch für Anfänger, Fortgeschrittene und Business. Der Nutzen im Onlinebereich liegt in der ausführlichen Lernanleitung durch Tutoren. Sie kümmern sich online um Probleme der Lernenden. Von Zeit zu Zeit treffen sich die Schüler mit ihren Lehrern zum Unterricht an einem real existieren Ort.

GM: Welches Feedback bekommen Sie von den Kunden?

Tobias: Das Interesse ist bombastisch. Zwar ist die Ausstattung der Firmen und Weiterbildungsinstitutionen für diese Art des Lernens noch stark eingeschränkt, aber wir denken, dass sich das in den nächsten zwei Jahren grundlegend ändern wird. Gerade die Volkshochschulen haben ein großes Interesse daran, mit Online-Learning neue Zielgruppen zu erreichen.

"CD-ROM ist ein sterbender Markt"

GM: Wird Online-Learning ein weiteres Standbein für Publisher von Sprachlernsoftware werden? Wie verhält sich Hueber dabei?

Hueber: Anfangs versuchten sich in diesem Bereich Anbieter zu platzieren, die von der technischen Seite eine Ahnung hatten, aber wenig über das Lernen von Sprachen wussten. Technik ist aber nur ein Bestandteil des multimedialen Lernens von Sprachen. Heute konzentriert man sich auf Inhalte, Didaktik und Methodik müssen stimmen. Wir sehen uns nicht als reiner Anbieter von neuen Medien, sondern als Sprachenanbieter. Und auf diesem Feld wollen wir auch online die gesamte Palette anbieten, die möglich ist. Dabei sind uns aber Konzept und Qualität unserer Produkte das Allerwichtigste.

GM: Wie muss sich Online-Learning weiterentwickeln, um noch mehr Kunden anzusprechen?

Tobias: Das entwickelt sich aus den Gesprächen mit unseren Kunden. Wir geben ihnen kein fertiges Konzept vor, sondern unterbreiten Vorschläge und fragen, welche Inhalte die Kunden brauchen. Gerade große Firmen greifen immer weniger auf die gängigen Sprachkurse zurück, sondern suchen nach Lerninhalten, die spezifisch auf die Bedürfnisse ihrer Arbeitsplätze zugeschnitten werden können. Darauf abgestimmte Sprachkenntnisse gewinnen zunehmend an Bedeutung.

GM: Läst sich das auf den privaten Lernenden, auch auf die Kids übertragen?

Hueber: Auch für private Kunden wird Online-Learning immer wichtiger. Wer nicht jede Woche zur Volkshochschule gehen möchte, kann online Sprachen lernen und nur ab und zu am Präsenzunterricht teilnehmen.

Tobias: Noch sind Kinder bei uns Offline- oder Audio-Learner. Kids wollen beim Lernen malen, basteln und spielen. Dafür eignen sich CD-ROMs, Bücher und Kassetten bislang besser als das Internet. Im Bereich Kindersoftware werden wir im Herbst ein neues Produkt, "Clicking Youngsters", für Englisch auf den Markt bringen. Im Vergleich zum Vorgängertitel "Clicking Kids", der auch Vorschulkinder angesprochen hat, ist "Clicking Youngsters" anspruchsvoller und eine Weiterentwicklung für die ältere Zielgruppe Grundschulkinder.

GM: Haben Sie weitere Pläne im Bereich Kindersoftware?

Tobias: Gegenüber guten Lizenzen sind wir immer offen, weil wir diese Produkte nicht selbst entwickeln, sondern bislang nur bearbeiten. Aber wir wollen künftig im Kinderbereich auch selbst Produkte entwickeln. Im Bereich Audio planen wir ein Projekt für Kinder im Vorschulalter. Wir entwickeln einen "Benjamin Blümchen"-Audiokurs für Englisch. Der Lizenzgeber Kiddinx wird dazu ein passendes Softwareprodukt auf den Markt bringen.

GM: Das Hueber-Portfolio ist auf den Nachmittagsmarkt ausgerichtet. Ist denn der Vormittagsmarkt für Sie gar nicht interessant?

Hueber: Die beiden großen Anbieter, Cornelsen und Klett, bieten Software für alle Fächer an. Dazu wären wir als reiner Sprachenanbieter nicht in der Lage, und deswegen liegen unsere Schwerpunkte auf Erwachsenenbildung und Kinderlernsoftware für den Nachmittagsmarkt. Die Ausnahme bildet das Ausland, wo wir im Bereich Deutsch als Fremdsprache auch Lernmaterialien für die Schule anbieten.

Tobias: Bei einem Einstieg in den Vormittagsmarkt müssten auch unser Vertrieb und unsere Redaktion komplett neu in Richtung Schulen aufgebaut werden.

GM: Wie verteilen sich Ihre Umsätze derzeit auf die Segmente Print, Audio und Software?

Tobias: Insgesamt steigen unsere Umsätze in den Bereichen Print, Audio und Software. Zu etwa 90 Prozent trägt der Printbereich zum Gesamtumsatz bei. Die restlichen zehn Prozent verteilen sich auf lehrwerksbegleitende und lehrwerksunabhängige Medien. Das Internet ist für uns noch ein Zukunftsmarkt, was die Umsätze betrifft. Wir investieren stark in diesen Bereich. Die Früchte werden wir voraussichtlich 2003 oder 2004 ernten. Mehrere Studien sagen für diesen Zeitraum einen Boom im eLearning voraus. Wir merken auch in Gesprächen mit unseren Kunden, dass sich der Markt auf diesen Trend vorbereitet.

Hueber: Unser Jahresumsatz liegt derzeit bei 25 Millionen Euro. Stärker als im Softwarebereich sehen wir einen Wachstumsschub im Onlinebereich. Ich glaube, dass die CD-ROM langfristig ein sterbender Markt ist. Die Existenzberechtigung der CD-ROM liegt darin, dass heute der Onlinebereich technisch noch nicht so weit fortgeschritten ist. Es ist aber nur eine Frage der Zeit, bis diese technischen Probleme gelöst sind. Die CD-ROM ist ein wichtiger Übergang zum Online-Learning. Deswegen investieren wir in das Segment Software vorsichtig.

GM: Wird der stationäre Handel aussterben, wenn das Internet die CD-ROM ersetzt?

Tobias: Das glaube ich nicht. Bestimmt lässt sich nicht jeder Händler auf den Verkauf im Internet ein. Aber im Bereich Industriegeschäft gibt es bereits Experten unter den Händlern, die CD-ROMs, Bücher und jetzt auch Onlinelizenzen pro Lerner an Firmenkunden verkaufen. Das ist durchaus ein gangbarer Weg. Wir wollen unsere Händler nicht außen vor lassen. Zum Beispiel gibt es in Düsseldorf eine große Buchhandlung, die sich bereits als Informationsbroker sieht. Sie verkauft Onlinewissen an Endkunden und Industriekunden.

GM: Wie wird das Internet den Handel generell verändern?

Tobias: Vor einigen Jahren konnte sich noch niemand vorstellen, dass eine CD-ROM in einer Buchhandlung steht. Heute ist das normal. Diese Entwicklung wird in Richtung Internet konsequent weitergehen. Irgendwann gibt es im Handel vielleicht keine CD-ROMs mehr, sondern nur noch Angebote aus dem Bereich Onlinewissen. Der Handel ist wahrscheinlich irgendwann so weit, dass auch er Onlineinhalte verkauft. Man verkauft dem Kunden dann keine CD-ROM mehr, sondern schaltet für ihn ein bestimmtes Wissensangebot frei. Das ist denkbar, aber derzeit sind wir noch weit davon entfernt. Wenn der Handel aber künftig darauf verzichtet, wird ihm ein großer Umsatzanteil wegbrechen.

GM: Können Publisher dieses Handelsfeld nicht selbst bedienen?

Tobias: Manche können das. Aber bei uns sprechen zwei Aspekte dagegen: Zum einen haben wir im Vertrieb keine eigene Abteilung für den Verkauf von Onlinewissen. Zum anderen war uns der Handel als Partner immer wichtig. Wie sind auf den Handel angewiesen und überlegen uns bei Neuentwicklungen, wie er daran partizipieren kann.

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