Beim ersten VoD-Seminar im deutschsprachigen Raum waren sich alle Teilnehmer einig: Video on Demand wird sich durchsetzen. Bis das Abrufen von Filmen per Knopfdruck ein Massenmarkt wird, müssen aber noch Hindernisse aus dem Weg geräumt werden.

Am 6. März 2003 fand in der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM) in München das erste Video-on-Demand-Seminar im deutschsprachigen Raum statt. Der Media Business Academy (MBA) und dem Entertainment Media Verlag gelang es, erstmals alle relevanten Player des VoD-Markts in einem Forum zu präsentieren und einen kompakten Überblick über die wichtigsten Themen bei VoD zu geben. Die Moderatoren Ulrich Höcherl und Andreas Kloo, beide Entertainment Media Verlag, konnten zahlreiche Experten aus Film- und Videowirtschaft und Consulting sowie Netzbetreiber, Hardwarehersteller und Juristen begrüßen.

BLM-Geschäftsführer Martin Gebrande bezeichnete VoD in seinem Grußwort als "interessant und zukunftsträchtig". Obwohl VoD nicht auf ein breitbandiges Fernsehkabelnetz angewiesen sei, könnten Ausbau und Digitalisierung der Kabelnetze auch VoD einen wichtigen Schub geben. Bei entsprechender Publikumsresonanz könnten sich VoD-Angebote "zu einem idealen Weg für die großen Filmproduzenten entwickeln, sämtliche Zwischenhändler und Distributoren auf dem Weg zum Kunden zu umgehen", sagte Gebrande.

Für Unternehmensberater Werner Lauff ist "die Zeit reif für Video on Demand". Lauff erwartet zwar aufgrund immenser Investitionskosten und jahrelanger Verzögerung beim Kabel "einstweilen nur punktuelle Lösungen", doch seien die Chancen für VoD via DSL-Telefonleitungen "noch nie so groß gewesen wie heute". Beispiele wie der überwältigende Erfolg von "Deutschland sucht den Superstar", bei dem Millionen von Fernsehzuschauern gegen Gebühr per Telefon für ihren Lieblingskandidaten stimmen konnten, belegen nach Ansicht von Lauff, dass "Deutschlands Internetnutzer immer öfter bereit sind, für Inhalte Geld zu zahlen". Große Chancen für VoD via DSL Nahezu alle Marktbeobachter rechnen mit einer stetig wachsenden Bedeutung von VoD, so Thomas Henkel von der Beratungsfirma Booz Allen Hamilton. Einen Marktdurchbruch von VoD in Deutschland vor 2006 hält er allerdings für unwahrscheinlich. Immerhin gaben rund ein Drittel aller Deutschen in einer Umfrage an, dass sie VoD künftig für ein wichtiges Angebot halten. Etwa 25 Prozent des heutigen Videoverleihmarkts könnten 2006 in Deutschland mit VoD umgesetzt werden - das wären 100 Mio. Euro. Zu den Pluspunkten von VoD zähle, dass es "mehr kann als der Videoladen von nebenan", so Henkel.

VoD ist neben virtuellem Videoverleih auch das "Best of"-TV, d. h., Wiederholungen erfolgreicher Fernsehprogramme wie "Wetten, dass...?" können auf Knopfdruck bestellt werden. VoD beinhalte aber auch Bildungsprogramm, zeitversetztes TV und Musikvideos auf Wunsch. Damit VoD langfristig erfolgreich wird, "müssen noch einige Hürden überwunden werden", warnte Henkel. Vor allem im Kabelbereich müsse die Breitbandinfrastruktur rasch ausgebaut werden, um eine kritische Masse an VoD-fähigen Haushalten in Deutschland zu erreichen. So genannte Digital-Rights-Management-(DRM-)Lösungen sollen digitale Inhalte vor Missbrauch schützen.

Ramona Zoch von der Unternehmensberatung Bearingpoint erklärte, was alles zu DRM zählt: Preisfunktionen, Lizenzabrechnung, Wiedergabe sowie Ver- und Entschlüsselung von Inhalten. "Da jedes Sicherheitssystem auf Softwarebasis hackbar ist", so Zoch, arbeite die Industrie an Lösungen, die die Hardware integrierten. Die rechtlichen Aspekte und Fallstricke bei VoD erläuterte Rechtsanwalt Pietro Graf Fringuelli von der Kanzlei Norton Rose Vieregge. Dabei verglich er die derzeitige Situation bei VoD mit der bei VHS Anfang der 70er Jahre, als deren rechtliche Einordnung zu klären war. Nach den Worten von Fringuelli begründe eine eigene Nutzungsart VoD-Rechte. Von einer eigenen Nutzungsart kann gesprochen werden, wenn eine technische und eine wirtschaftliche Eigenständigkeit vorliegt. Noch sind viele rechtliche Fragen bei VoD offen, insbesondere Altverträge aus den Jahren vor 1995 hält Fringuelle für sehr bedenklich, wenn nicht gar für unwirksam.

Wolfram Winter, GF Universal Studios Networks Deutschland, gab einen Einblick in die Denkweise der Major-Filmstudios in Sachen VoD. Aus Studiosicht sprächen zwei Dinge gegen VoD: Das DVD-Geschäft laufe zu gut, als dass sich Hollywood über andere Vertriebswege den Kopf zerbrechen müsste, und dann verhalte sich Hollywood traditionell skeptisch gegenüber neuen Technologien. Ungeachtet dessen sei die Verantwortung von Movielink - ein Filmabruf-Joint-Venture der Filmstudios von MGM, Paramount, Sony, Warner und Universal - ganz oben in den Führungsebenen der Studios angesiedelt. Auch könne man sich bei Movielink durchaus vorstellen, "bald auch in Märkten außerhalb der USA - also auch in Deutschland - aufzutreten".

Als einer der VoD-Pioniere Deutschlands zeigte Datty G. Ruth, Vorstandsvorsitzender VCL Film + Medien, welche Möglichkeiten Filmabrufdienste Independents bieten. In seinen Ausführungen ging er auch darauf ein, dass es derzeit noch zu viele individuelle Lösungen seitens der Diensteanbieter bei VoD gebe. Außerdem hätten viele Dienstebetreiber keine Erfahrung im Lizenzgeschäft, vor allem nicht mit US-amerikanischen Vertragspartnern.

In einem Praxisteil stellten Arcor Online, Europe Online Investments, HanseNet, MSH MediaServe, primaTV broadcasting und Tiscali Deutschland ihre VoD-Dienste vor. Die Seminarteilnehmer hatten Gelegenheit, sich unmittelbar von den Vor- und Nachteilen der unterschiedlichen Übertragungswege zu überzeugen: DSL, Fernsehkabelnetz und Satellit. "Die technische Machbarkeit ist nachgewiesen. Jetzt brauchen wir Premiuminhalte", so das Fazit von Bernd Wirnitzer, Bereichsleiter Arcor Online. Aufgrund des großen Zuspruchs wird es eine Folgeveranstaltung geben.

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